Sali AllmuçaSali Allmuça in Deutschland

Der politische Druck, Zensur und die Schließung seines Ateliers brachten den albanischen Maler Sali Allmuça dazu, das kommunistisch regierte Albanien zu verlassen. Der politische Druck auf Künstler und Intellektuelle des Landes war unerträglich geworden.
Als Sali Allmuça zusammen mit seiner Frau Rezarta 1990 in Deutschland eintraf, hatte er nur wenige Habseligkeiten bei sich. Fast alle Bilder waren in Albanien zurückgelassen, über deren Verbleib nichts mehr bekannt ist. Hier in Deutschland begann Sali Allmuça in seiner neuen Freiheit das nachzuholen, was er in Albanien nicht konnte: kreativ und intensiv arbeiten. Heute quillt die kleine Wohnung der Allmuças über von einer variationsreichen Vielzahl an Ölgemälden, Zeichnungen, Collagen, die der Künstler inzwischen geschaffen hat. Und seine Bilder sind gefragt.

Warum gerade Deutschland?
Sali Allmuça, dem in Deutschland politisches Asyl gewährt wurde, hofft auf Deutschland. Die Deutschen hätten 1933 selbst erfahren, was es heißt, unter einer Diktatur zu leben und diktatorisch regiert zu werden. Besonders Künstler könnten das verstehen. Er hofft, bald ein vollwertiges und anerkanntes Mitglied der Künstlergemeinschaft zu sein, die – an keine Grenzen gebunden – überall zu Hause ist. Sali Allmuça stellte in Remscheid und Wuppertal aus, und zwar anläßlich der internationalen Kulturwoche 1991. Seine große Ausstellung in der Dresdner Bank, Februar 1992, ließ die Zweigstelle in Wuppertal-Barmen fast aus den Nähten platzen, so vollgewichtig und reichhaltig war diese Ausstellung der Werke Allmuças. Im Frühling, anläßlich der 19. Maiausstellung des Berufsverbandes Bildender Künstler (BBK), wird Sali Allmuça im Stadttheater Remscheid vier Wochen lang Ausschnitte aus seinem Zyklus ,,Frühling“ zeigen. Inspiriert wurde Allmuça zu diesem Thema durch Impressionen des Frühlings in Wuppertal.
Sali Allmuça wäre geneigt, seine Tätigkeit auch als Bühnenmaler wieder aufzunehmen, die er beim albanischen Film in der Hauptstadt Tirana wahrnahm. Seine Mitarbeit bei den Filmstudios ,,Neues Albanien“ unter der Regie von Hysen Hakani und Kujtim Lashko führte jedoch zum Konflikt mit der albanischen Obrigkeit, die in der Tätigkeit der Filmstudios demokratische Akzente beargwöhnte.

Freie Kunst
Sali Allmuça möchte mit seinen Legenden, die er malt, mit seinen Städte- und Landschaftsbildern, die ein sanftes, manchmal ein Schlaglicht durchstrahlt, das Leben nicht unnötig kompliziert machen. Als Künstler geht es ihm um die menschliche Seite, die Freiheit zwischen den Menschen contra jedweden Extremismus. Sali Allmuça möchte mit seinen Bildern die Geschichte, auch die poetische Geschichte der Menschen referieren, über die Grenzen der Länder hinaus und damit zur Völkerverständigung beitragen. Mit seinen wunderbaren und farbenprächtigen Bildern nach Legenden des albanischen Volkes oder seinen lichtdurchströmten Wuppertal-Bildern, seinen Stadt- und Landansichten aus dem Bergischen verbindet Allmuça in der Tat die Menschen untereinander. Seine Bilder sprechen die Sprache des Herzens, und vielfach scheinen sie mit ihrer farblichen und thematischen Eindringlichkeit gerade das zu ersetzen, was dem Nordländer fehlt: Der Kühle aus dem Norden braucht als Pendant den fröhlichen und singenden Südländer, zu dem sich Allmuça bekennt. Allmuça Kunst ist vielfach ein Abbild jener altgriechischen Lebensmaxime, deren Witz Diogenes vertrat, der am hellichten Tag mit einer Laterne auf dem Athener Marktplatz erschien, um ,,Menschen zu suchen“. Allmuça Licht in seinen Bildern spricht den Menschen unabhängig von Hautfarbe und Rasse direkt an.

Das Leben nehmen, wie es ist

Wie lebt und arbeitet ein zugezogener ausländischer Künstler in Deutschland, speziell in Wuppertal? Wegen des Straßenlärms konnte Allmuça zuerst bei uns nachts überhaupt nicht schlafen. Und zum Malen geht er vielfach dorthin, wo es ruhiger ist. Wenn es das Wetter erlaubt, bevorzugt er idyllische Plätze, die es auch noch in Wuppertal gibt. Allmuças Frau, die Pianistin Rezarta Allmuça, ist unversehens selbst zum ,,Krachmacher“ avanciert. Es wurde ihr untersagt, in der Wohnung der Allmuça Klavier zu spielen. Dankenswerterweise kann die Pianistin, die täglich acht bis zehn Stunden übt, in der nahegelegenen Neuapostolischen Kirche in Langerfeld ihren Bach, Beethoven, Bartok oder Stravinsky üben. Rezarta Allmuça gab ihre Konzerte schon in Wuppertal, Haan und Remscheid.
Zum Musizieren und zum Malen ist es bei den Allmuças zu eng. Der Maler benutzt die Küche als Atelier; die Wohnung platzt vor Meisterwerken aus den Nähten.
Für viele Künstler bedeutet der Verlust der Heimat eine schwere Katastrophe. Und doch haben sich die meisten Künstler, denkt man an die deutschen Emigranten im Exil, zurechtgefunden. Für Sali Allmuça hat es keine solchen starken Wurzeln in Albanien gegeben; denn die Kommunisten hatten die lebendigen Wurzeln des Volkes vielfach durchschnitten und huldigten einer traditionellen Fortschrittsideologie. Für Allmuça ist der Neubeginn in Deutschland, das er als sein zweites Vaterland betrachtet, einfacher. Er beginnt bereits, hier Wurzeln zu schlagen und genießt die Atmosphäre der Freiheit, die sein Schaffen beflügelt. Allmuça spricht jene internationale Sprache der Kunst, die von jedem verstanden wird, ohne doch Worte zu gebrauchen. Darin liegt ein unschätzbarer Wert zur Verständigung der Völker und Menschen untereinander.
Allmuça nimmt das Leben mit Humor. Nur Humor läßt einen durchs Leben gehen, ohne daran zu verzweifeln; denn Anlässe dazu gibt es genug. Poesie, Malerei und Singen sind für Allmuça eins. Und das nicht nur, weil er damit südländischer Tradition folgt; sein Schaffen auf der Leinwand ist begleitet von Gesang. Dabei wird er zum Dichter. Er komponiert selbst beim Malen Stücke für Sologesang. So sind auch seine Bilder: eine Einheit von Malerei, Gesang und Poesie. Ähnlich empfindet Allmuça auch das Leben selbst – als eine Melodie, die er in seinen Bildern aufzuspüren weiß.
Es gibt Tage, die sind grau und scheinen wie leblos, besonders in der Stadt. Doch kommen wieder Tage, an denen Glanz und Licht die Dinge spiegelt, die wir sehen. Diese Tage nutzt Sali Allmuça, um diesen Glanz des Lichts zu zeigen. Licht ist das Medium, in dem die Dinge sichtbar werden. Aber der Maler sieht nicht nur, er lehrt auch das Sehen, schärft unsere Sehgewohnheiten, unsere Aufmerksamkeit, nicht am Glanz der Dinge achtlos vorüberzugehen. Für Sali Allmuça ist neben der Farbe, die als Ausdruck des Lichtes geradezu die Taufe der Dinge ist, besonders die Form seines Themas wichtig. Wenn Sali Allmuça über Form spricht, denkt er an bauen. Aus der Dramatik und dem Zusammenspiel von Form und Farbe, Licht und Dunkelheit entstehen die Bilder Allmuças. Er baut, doch ist er im Grunde ein blinder Architekt, ein Seher, der von innen aus der Dunkelheit nach außen, ins Licht hineinbaut. Das Thema gibt er sich vor. Doch was dann geschieht, ist die Freiheit Allmuças, des Malers, der aus dem Nichts ein Gebilde der Schönheit schafft, das vor dem Auge des Menschen die Form des Bildes annimmt.
Allmuça vermeidet gegenstandslose Kunst. Er bewundert sie, bewegt sich aber derzeit im Spektrum gegenständlicher Malerei, den Endformen der Natur, weil er verstanden werden will. Die Freiheit seiner Kunst kennt jedoch eine Grenze: abstrakte Kunst, über die mag man reden, wie man will. Wenn aber die Seele aus ihr flieht und der Mensch, emotionslos und ohne Balance, vor der Leere steht, hört die Kunst für Allmuça auf. Für Allmuça ist die Kunst mit Leben zu füllen. Man sieht den Maler schon morgens in den Bibliotheken Wuppertals beim Studium der Geschichte und Kunst. Eines seiner schönsten Portraits ist die Zeichnung des albanischen Dichters Lasgush Poradeci, den er drei Monate vor dessen Tod portraitierte. Lasgush Poradeci, der auf dem Balkan als Dichter weithin berühmt ist, übersetzte auch Heinrich Heine und Goethe ins Albanische.
Sali Allmuça sieht in Deutschland derzeitig für sich und seine Frau die besten Möglichkeiten, sich künstlerisch zu entfalten.
THOMAS ILLMAIER

Foto: „Magie“ (Ausschnitt) von Sali Allmuça.

Bergische Blätter, 13/1992, S. 17.



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