DER
AUSBAU DER VISION
Wortgewaltig,
traumbeständig, Realist dazu. Das war Gottfried Benn. Big Benn! dem
eigentlich immer die Stunde schlug: Erkenne die Lage! Seine Lebensmaxime,
die ihn durch Fährnisse von innen und von außen trug.
Gottfried
Benn, der Sohn eines Pastors, jenseits der Oder geboren, an
Fliederbüschen blau und rauschbereit, wo der Garten seiner Kindheit
träumte, eigentlich sollte er Pastor werden wie der Vater. Aber nach
einem Zerwürfnis mit dem strengen Gottesmann, wird der junge Gottfried
schließlich Arzt. Als protestantischer Pastorensohn führt
er noch einmal kräftig gegen den Vater die Feder zu Papier: Verfluchter
alter Abraham, zwölf schwere Plagen Isaakehaun dir mit einer
Nudelhacke den alten Zeugeschwengel lahm. Benn wird Militärarzt,
nimmt am ersten Weltkrieg teil, greift wie Kollege Georg Trakl zum Kokain,
stirbt aber nicht wie der daran sondern dichtet: Ich nahm schon Kokain... ich
muß im Überschwange noch einmal vorm Verhängnis blühn. Wie überlebt
man als Soldat im Schützengraben psychisch, geistig - im Ruin? Die
Zwanziger Jahre, golden, opiumgeschwängert, Halbwelt, Demi Monde,
Berlin, die Metropole Europas: Big Benn mittendrin. Er wird berühmt.
Mit Morgue wird der Militärarzt zum Außergewöhnlichen
gefeiert, dabei sind Morgue Leichenhausgedichte, die den Geschmack,
das Gewissen auch, eine Krüppelzerfressene Nachkriegsgesellschaft,
trafen - und goutierten. Benn fraß sich durch, Schnorrer; denn die
Gedichte langten nicht zum Leben. Als Arzt für Geschlechtskrankheiten
praktizierte er täglich meist nur eine Stunde. Aber die Huren, Nutten,
Tripper und Syphilisgeschädigten des tanzenden, horrenden, hurenden
Berlins, die sich anderswo die Klinke in die Hand gaben, kamen nur zögernd
zu ihm. Berlin, das war eine Goldgrube, international, und Benn war sein
König, auf seine Weise. Er war der gefeiertste Expressionist seiner
Zeit.
Auch die Prosa
ließ sich hören. Benn ging nicht gern spazieren,
dem Massenglücke abhold und auch wohl naturentfremdet. Kunst
entstand ihm im geschlossene Raum. Seine Arztpraxis, seine bescheidene Wohnung,
der Bierkasten unter dem Tisch, selten Besucher; und immer, sehr oft jedenfalls
auch eine Frau dabei. Die Frauen! Sah Ladies aus ihren Bildern treten;
unwahrscheinliche Beauties langbeinig, hoher Wasserfall... Benn wurde
nicht müde, sie zu besingen. Die Prosa gebiert er aus Krieg und Kokain,
entbindet Gedichte, Phantasiereisen mitten im feindlichen Gebiet. Da bricht
es auf. Die Reise heißt so ein Stück mit Licht voll
Entrückung und Daphneen im Erblühn. Krieg und Feindschaft
verschwinden. Groß vor dem Meer... wie kühlte der
Trunk den Letzten des Stamms. Die feine psychedelische Vision nicht
zerstörend sah er: Wie holde Gespielin! Wie Reh zwischen Farren!
Wie ritterlich Weidwerk! Wie Silberbart! Die Gegenwelt des Rausches
hält dem Verlangen, der Gier, die sich nach Vernichtung sehnt, dem Krieg
die Waage.
Nach 1933 wird
es für Gottfried Benn gefährlich. Die
Zwanziger Jahre hatten ihn emporgehoben. Er schrieb den Zeitgeist, der Expressionismus
war seine Generation. Literaturen huldigten ihm. Er wurde sogar Mitglied
der Preußischen Akademie der Künste, die höchste Ehrung,
die einem Dichter zuteil werden konnte. Kommissarisch wird er ihr Leiter,
als Hitler, bejubelt, die Macht antrat. Aber der Stern fiel, wie eine Sternschnuppe
rutschte er vom Himmel, dem Parnaß der Gottähnlichkeit, Deutschlands
größter Dichter zu sein. Es begann mit einem Artikel in der Nazipresse,
die nicht nur diffamierte, Benn sei links gestanden, ein Linker! Er wurde
denunziert: Er war ein Jude! Kein wirklicher, sein Ahnenpaß war rein.
Er war ein Gesinnungsjude - was immer das bedeuten mochte, es war gefährlich,
das grenzte an Hochverrat - Benn sah die Seinen davonschwimmen, das Seine
davongestohlen, wegeskamotiert, wie er das mit einer seiner Lieblingsvokabeln,
militärisch exakt, aus-, ja wegdrückt. Still wird es um Gottfried
Benn. Seine Dichtung gerät in Vergessenheit, er wird nicht mehr gedruckt.
Die Praxis falliert. Zu Dr. Benn? Da gingen nicht ‘mal mehr die Prostituierten
hin. Himmler, Reichsführer SS, hält in den folgenden Jahren schützend
die Hand über ihn, nachdem Gestapo und SS Benn begannen heimzusuchen.
Er rettet sich als Militärarzt in die Reichswehr, erhält Schreibverbot;
als Oberstarzt, weitab von der Etappe, produziert er Schubladenliteratur;
so überlebt er den Krieg.
Gegen den Krieg,
gegen die denaturierten
europäischen Gehirne schreibt
er Provoziertes Leben - den Rettungsanker, und als Plädoyer
für die Rettung des Gehirns, für das mutative, d.h. revolutionäre
Organ schlechthin empfiehlt er Meskalin oder Haschisch. Denn Potente
Gehirne... stärken sich nicht durch Milch, sondern durch Alkaloide. Dieser Ausbau
visionärer Zustände würde der Rasse einen Zustrom
von Erkenntnissen und von Geist vermitteln, der eine neue schöpferische
Periode aus sich entbinden könnte. Gottfried Benn schreibt das
1943. Mit größter Selbstverständlichkeit schreibt er auch
vom Bilsenkraut, vom Opium, von Mama Cuca, der göttlichen
Pflanze der Inkas. Die ärztliche Anwendung von Kokainlösungen
zur Linderung schmerzhafter Reizzustände der Augenbindehäute, des
Kehlkopfs, der Harnröhre war ihm schon seit seiner Studentenzeit geläufig.
Die pflanzenentbundenen
Steigerer und Rauscherzeuger, die den
Zugang zum Traum erschließen, lassen ihn Tiefes und Tiefstes aus den
Genen der Erinnerung zu Tage fördern. Benns bedeutendster Biograph Werner
Rübe entdeckt in Benns Zugriff auf das Mythische, das Inselparadies, Dorische
Welt, Aztekentraum und Pulque den „Besitz kostbarer Offenbarungen,
die frühe Völker in einem schon vor jeglicher Zivilisation gelebten
Zeitalter als Intuition bewahrt haben.“ In Orpheus’ Tod spricht,
besingt er mit Namen gelber Mohn sein Weib, das lockt unter
Demut... bei hemmungsloser Lust. Eros und Tod. Die Ufer
tönen, der Ruf der Jenseitswelt, anders und paradiesisch zugleich,
das Bild Welle der Nacht und seine Vision. Quartär heißt
ein anderes Gedicht: Die Wellen trinken und tränken sich Rausch
zu neuem Raum... Verfall, Verflammen, Verfehlen - in toxischen Sphären,
kalt, noch einige stygische Seelen, einsame, hoch und alt. Griechisches
Urbild. Acheron, der Totenschiffer, geleitet dich hinüber,
stygischer Schatten: Ein Traum: - von dir!... und alles starrte wie aus
fremder Macht, denn alles trank sich Rausch aus weißen Drogen.
Echo der Neuzeit. Benn, dessen Prosa, vor allem aber das Gedicht aus Rausch,
Flammen und Flug sich nährte, trieb sich selbst wie ein Echo vor
sich hin. Er verglich sich sogar mit Dante, meinte, vom 14. Jahrhundert bis
zu ihm, Benns Wortschatzzitaten, sei nur eine große Leere. Dann
aber rauschte die Flut.
Gottfried Benns
Nähe zu Drogen und Rausch ist
für seine Generation
kein Einzelphänomen. Ein anderer, Georg Trakl, wir erwähnten es
schon, ging an den im Übermaß genossenen Mitteln zugrunde. Sie
erleichterten Krieg und Zerstörung, ließen einen Widerschein von
Leben hereinbrechen, uralten Paradiesen. Sie machten die jenseitigen Ufer
tönen. Jeder in der Nazizeit gefährdete Intellektuelle hatte
Morphium hydrochloricum griffbereit, in der Nähe, wußte, wie er
drankommen könnte. Die Gefährdung war immens: Der Verschleppung
ins KZ zog Benn Morpheus’ Träume vor, dem Ernstfall ohne Frage
zur Disposition gestellt. Daß es funktionierte, besteht kein Zweifel:
Benns zweite Frau Herta nahm sich so das Leben. Das Atemzentrum wird gelähmt,
doch stirbt man ohne Schmerz. Benn hat auch ohne die halluzinogenen Drogen
Paradiese aus sich entbunden. Trance, Blaue Stunde - die Dämmerung,
das Alleinsein ließen die Geister kommen. Drogen erleichterten den
Zugang zu den Pan-Welten, den Karyatiden, den Inseltraum. Benn ist
zu lesen in allen Lagen des Bewußtsein. Er ist weit. Kennzeichen, nach
C.G. Jung, des Genies, man liest ihn, nicht mit dem Verstand, sondern mit
der Intuition, die Bilder öffnet, in sie eintritt, mit ihnen verschmilzt.
Tao, Buddha, doch war Benn prosaisch genug, seine einsamen Lebensabende auch
im Weinhaus Wolf, der Kneipe an der Ecke in Berlin zuzubringen - komm
bitte noch hin, schrieb er seiner Frau auf den Küchenzettel. Sie
kam, nach Dienstschluß zischten sie noch eins, und so gings; dem Ende
zu, wo nicht nur alles Leben... Der Mann, der seinen Körper nie geschont
hatte, starb denn auch einen harten, man möchte fast meinen, unwürdigen
Tod, als Quittung für so langes unterdrücktes, ungelebtes Leben.
Aber seine Totenmaske singt, den Schlaf von allem Entsetzen, die Stille,
sinkt fast in Heiterkeit hin.
Thomas Illmaier
Originaltext mit vier Fotos:
Foto 1: Des Ohres Rausch - Gottfried Benn.
Foto 2: Yakis mit Aztekenwort - die psychedelische Vision, gemalt von Pablo Amaringo.
Foto 3: Die pflanzenentbundenen Steigerer und Rauscherzeuger - hier Datura japonica, gemalt
von Christian Rohlfs.
Foto 4: „Benn fraß sich durch, Schnorrer...“ (Lithographie von Manfred Pahl)
Zschr. Hanf, 12/1997, S. 34-35.