New York Buddhism
Michael Burges malt im Geiste des Buddhismus
Was hat New York mit Buddhismus zu tun? Betrachtet man die
vier Holz-Paneelen, die Michael Burges für sein Bild ,,New York Buddhism“
individuell und jede für sich in Brauntönen, der dem Holz angemessenen
Farbe bemalte, so wird man den Zusammenhang von New York und Buddhismus nicht
ohne weiteres erkennen. Was also hat New York mit Buddhismus zu tun?
Michael Burges: ,,Wenn
man sich in einer Stadt wie dieser aufhält, mit ihrer irrsinnigen Bewegung,
und manche empfinden ein solches Karussell als Energie, dann ist durch die
dialektische Begabung des Menschen eigentlich auch schon die Ruhe antizipiert.
In diesem Moloch New York. wo alles Bewegung ist, spürt man gleichzeitig
die kompensatorische Tendenz, das Gegenteil. nämlich die Ruhe, sehr stark.“
Nimmt man sich Zeit zur Betrachtung der Bilder von Burges, wird das Auge zum
Bewußtsein, das nicht mehr die einzelnen Teile. sondern das Ganze umschließt.
Der Betrachter sieht die einzelnen Paneelen zwar noch, aber sie gruppieren
sich zum Ganzen des Kunstwerks, ein Bild entsteht. Das ist die Ruhe des Ganzen,
das die Bewegung der Teile umschließt. Diese Ruhe ist für Michael
Burges der Geist des Buddhismus. Dieser Geist ist zugleich ein Bewußtsein,
und je nachdem mit welchem Bewußtsein der Mensch sieht, wird er das
Ganze oder auch nur die Teile entdecken. ,,Ich neige zu der buddhistischen
Ansicht, daß der Mensch ein ganz reiches Wesen von Bewußtseinsebenen
ist, die zum Teil unentdeckt sind, und die Kunst betreibt so etwas wie Exploration.
Burges experimentiert mit dem ,,Bewußtsein und seinen Zuständigkeiten“.
Für ihn ist das ,,der Punkt überhaupt, um den es geht“. Ein
anderer Buddhist, nämlich Lama Anagarika Govinda hat sich in seinem Buch
,,Schöpferische Meditation und multidimensionales Bewußtsein“
(Aurum Verlag) ebenfalls mit diesem Punkt auseinandergesetzt. Während
Govinda die Raumauffassung in der altbuddhistischen Kunst betonte, Govinda
war ja ebenfalls Maler, so ist für Michael Burges die Zeit primär.
Zeit ist für Burges, der keiner Ästhetik altbuddhistischer Kunst
mehr anhängt, Wirklichkeit. Diese kann jedoch durch interferierende Zeitströme,
andere Wirklichkeiten, aufgehoben und in ihrer Eigenexistenz relativiert werden.
Verschiedene Vorgänge in der Zeit, multidimensionale Wirklichkeit ist
mit sich selbst und anderen stimmig, nirgendwo hat Michael Burges das besser
zum Ausdruck gebracht als in seinem Bild ,,Synchronism“, das auch in
seinen Maßen ,,umfassend“ ist.
Burges möchte
nicht mißverstanden werden. Er illustriere den Buddhismus nicht. Kulturgeschichtlich
geht es ihm nicht darum, ,,die Ästhetik des Buddhismus zu benutzen“.
Aber er war davon fasziniert und begriff, ,,daß man über seine
eigene Persona hinausgehen kann und muß, um einen wirklichen Zugriff
zu entwickeln.“ Burges sah durch den Buddhismus noch stärker, ,,was
Kunst – zwar nicht brachial und mit den Mitteln, wie die Politik sie
benutzt – erreichen kann, und welchen aufklärerischen Wert sie
hat, und daß künstlerische Arbeit auch eine mentale Dienstleistung
ist“. Bevor Michael Burges zum Malen kam, studierte er Religionswissenschaften
und lndologie und ist auch heute noch ,,persönlich mit dem Buddhismus
sehr beschäftigt“.
Bild: „Synchronism“ von Michael Burges, 1995.
Bilder von Michael Burges sind an folgenden Orten zu sehen:
1995: Museum Folkwang, Essen; Von der Hevdt-Museum, Wuppertal; Galerie Baumgarten,
Freiburg; Galerie Grashey, Konstanz; Galerie Harthan, Stuttgart.
1996: Galerie Artforum, Hannover; Galerie Jahnhorst & Preuss, Berlin;
Galerie Kunst Parterre, Viersen.
Ein Farbkatalog mit Werkauswahl ist für DM 25,- beim Von der Heydt- Museum, Turmhof 8, D-42103 Wuppertal, erhältlich.
Thomas lllmaier
Ursache & Wirkung, 4/1995, S.35.