Die
Edda des Snorri Sturluson: Altgermanische Sagenwelt
Im alten Götterhimmel
Die lange vergriffene Prosa-Edda des Snorri Sturluson wurde
vom Reclam-Verlag 1997 neu aufgelegt und ediert. Die Auswahl, die Übersetzung
aus dem Altnordischen und den Kommentar besorgte Arnulf Krause.
Die sogenannte Prosa-Edda des Snorri Sturluson (1179 - 1241), der –
wie Krause schreibt –
,,einer der angesehensten und mächtigsten Familien des isländischen
Freistaats, dem Geschlecht der Sturlungen, entstammte“, enthält
als Hauptwerke ,,Gylfis Täuschung“ und ,,Die Sprache der Dichtkunst“,
wobei der Prolog zur Snorri-Edda umstritten ist, was die Autorschaft betrifft.
Snorris Edda ist von der ,,Lieder-Edda“ zu unterscheiden, die Götterdichtung,
Spruchweisheit und Heldengesänge der Germanen enthält, von denen
das bekannteste die Volöspa, der ,,Seherin Gesicht“, ist. Snorri
Sturluson war so etwas wie ein Lireraturwissenschaftler und Politiker, dessen
Aktivitäten jedoch zu einem gewaltsamen Ende führten. Er und sein
Gönner Sktili wurden auf ihren Höfen 1241 auf Befehl des norwegischen
Königs Häkon erschlagen.
Snorri hatte in einer
dem Christentum huldigenden Bevölkerung religionspolitische Rücksichten
zu nehmen. Er verbrämte die Herausgabe altgermanischer Gesänge und
mündlich tradierter Erzählungen jener Ahnen, die schon im Altertum
zu Göttern geworden waren, indem er die Episoden und Götterbegegnungen
der fernen Vorzeit in den halluzinierenden Geist Gylfis verlegte, der von
den Asen, den Göttern asiatischer Herkunft, mit Verblendung geschlagen
wurde. ,,Jedoch sollen Christen“, heißt es in der ,,Sprache der
Dichtkunst“, ,,nicht an heidnische Götter glauben und den Wahrheitsgehalt
dieser Geschichten nicht anders verstehen als so, wie man es am Anfang des
Buches findet.“ Gylfi war demnach ein altschwedischer König, der
dem altgermanischen Göttergeschlecht der Asen entgegenzog, als diese
in den Norden, ins Land der Reifriesen, vordrangen. Die Asen stammten aus
Asien. Ihre Geschichte läßt sich unschwer als mythische Erhöhung
der kriegerischen Indogermanen, besser Indoarier, verstehen, die, nach Snorri,
aus Kleinasien aufbrachen, um in den hohen Norden zu ziehen, wo sie seßhaft
wurden. Die Asen waren ein sehr kluges Volk, ,,weil sie die Sehergabe besaßen“,
wie Snorri berichtet. Die Asen schlugen Gylfi mit Verblendung, als er ihnen
zu neugierig wurde. Und während er halluzinierte, begannen sie, ihm Abenteuer
um Abenteuer der Edda aus mythischer Vorzeit vorzuspiegeln. Auf diese Weise
erkannte Gylfi, wer die Asen waren und was sie vermochten.
Der altgermanische Götterhimmel ist faszinierend und verwirrend zugleich.
Man liest den Text der Edda, nicht ohne selbst von der Fülle des mythologischen
Materials geblendet zu werden. Odin, der Götterchef, bleibt auf eine
seltsame Art nebulös, ungreifbar, wenngleich er der mächtigste von
allen Göttern ist, vielleicht auch gerade deshalb. Er besitzt zwei Raben,
die ihn ständig begleiten und die Welt für ihn erkunden. Sie heißen
Hugin (Gedanke)und Munin (Erinnerung). Besser und anschaulich faßbar
ist der Gott Thor, der siegreiche Gott der Schlachten und Vorbild aller Kämpfer
und tapferen Männer. Seine Attribute sind der Hammer Mjöllnir –
er wurde von den Zwergen gefertigt; der Kraftgürtel und der eiserne Handschuh,
mit dem er auch die ,,heißesten Eisen“, wörtlich genommen,
anfaßt. Um sich von der Macht Thors eine lebendige Vorstellung zu machen,
mische man sich unter die begeisterten Fußballfans eines Europapokalspiels
und höre sie schreien, sobald das erste – Tor fällt. Erheben
die Massen oder stürzen sie ihn? Das Schicksal der altgermanischen Götter
wurde durch das Christentum sicher nicht endgültig besiegelt.
Von den Göttinnen sind die Walküren und Freya, ,,die in Tränen
schöne Göttin, Liebesgöttin“, am besten beschrieben.
Überhaupt sind die germanischen Göttinnen den Göttern gleichgestellt,
sie können ebenso kämpfen und rächen wie sie. ,,Aber Skadi,
die Tochter Thjasis, ergriff Helm, Brünne und alle Kriegswaffen und zog
nach Asgard, um den Tod ihres Vaters zu rächen.“ Sie wurde schließlich
auf Odins zusprechende Geste hin in den Kreis der Götter aufgenommen.
Ein wichtiger Teil
der altgermanischen Mythologie ist das Trinken des Mets. Die Bestandteile
des Mets enthielten wahrscheinlich den Anlässen entsprechend wie bei
allen indoarischen Völkern psychoaktive Pflanzensäfte; das Mischen
des Mets war Aufgabe der Priester. Die Skalden, die nordischen Dichter, die
das Heidentum bis ins 13. Jahrhundert tradierten, verstanden das Dichten als
,,Mischen des Mets“‘ eine Metapher, die ihnen erlaubte, das Phantastische
ihrer Dichtung zu umgreifen.
Edda, wie Snorri
seine ,,Poetik“ nennt, leitet sich wahrscheinlich von dem altisländischen
Wort Edda ab, das Urgroßmutter bedeutete. Snorri gebrauchte es in diesem
Sinne der Mythen erzählenden Ahnfrau, auch möglicherweise in Ableitung
davon das Wort Dichtung überhaupt bezeichnend.
THOMAS ILLMAIER
Die Edda des Snorri Sturluson. Ausgewählt, übersetzt und kommentiert von Arnulf Krause, Reclam, Stuttgart 1997, 272 Seiten, br., 12 Mark.
Junge Freiheit, 43/1997, S. 24. Bild: Figur der Freya.