Das integrale Bewußtsein
Thomas Illmaier zum Buch ,,Wohin geht der Mensch“ von Enomiya Lassalle
Es gibt gewisse Bücher zu allen Zeiten und Gelegenheiten,
die nicht nur von einem Lehrer geschrieben sind, sondern selbst Lehrer sind.
Also ein Lehrbuch im besten Sinne des Wortes und ohne Anmaßung ist dasjenige
von Hugo M. Enomiya-Lassalle ,,Wohin geht der Mensch?“. Ein Buch, das
von den Spitzen der Politik und Wissenschaft, wie die Vorworte beweisen, und
nicht nur von Esoterikern, Geheimniskrämern, gelesen wird. ,,Wohin geht
der Mensch?“ – diese Frage geht uns alle an. Hugo Enomiya-Lassalle
zeigt die Anzeichen eines neuen Bewußtseins auf, das von den Menschen
Besitz ergreift. So gewinnt er eine neue Möglichkeit, eine neue Dimension,
die ihm hilft, aus der gegenwärtigen tiefen Krise der Menschheit auszubrechen.
Das integrale Bewußtsein. Herkunftsmäßig ist dieser Begriff
den Schriften Jean Gebsers verpflichtet und dem Geiste nach Teilhard de Jardin,
einem spirituellen Christentum der Weltoffenheit, das mehr geduldet als gefördert
wurde, das jedoch viel zum Verständnis von Ost und West, namentlich auf
dem Gebiet der Religionen beigetragen hat.
Integrales Bewußtsein
ist kein neues Bewußtsein, wohl aber eine Quelle und Erweiterung des
ursprünglichen Bewußtseins des Menschen, des Ursprungsbewußtseins
der Freiheit. Mit diesem Bewußtsein zog der frühe Mensch aus; es
ist das, was ihn vom Tier unterscheidet. Seine Einbindung in die Welt ist
noch ungeschieden vom All, es umfaßt – und hier setzt die Mutation
heute an – das Ganze, Kosmos und Mensch in ihrer grenzenlosen Einmaligkeit.
Integrales Bewußtsein ist also eine Erweiterung des ursprünglichen
Freiheitsbewußtseins des Menschen. Mit diesem Bewußtsein tritt
er in den Raum der Kraft, wo sein kleines Ego schmilzt und ihm die Kräfte
des ursprünglichen Selbst zuwachsen. Diese Kraft wird er brauchen, die
Krise zu überwinden.
In Enomiya-Lassalles
Buch ist viel von Mystik die Rede. Das ist für ihn ,,experimentelle Gotteserkenntnis“
und nur ein anderes Wort dafür. Diese Mystik als Erfahrung des absoluten
Seins weckt und entwickelt das integrale Bewußtsein. Es umfaßt
die höchsten Erfahrungen des Menschen; Christus und Buddha sind nicht
eins, sondern zwei Aspekte des integralen Bewußtseins, bei dem die personale
Komponente für den Christen überwiegt und die nichtpersonale für
den, der Buddha folgt. Transzendenz, Überschreiten des herkömmlichen,
von Vorurteilen blockierten Denkens und Erfahrens ist ihnen beiden eigen.
Das integrale Bewußtsein ist wie die Wand, die uns normalerweise vom
Jenseits, der Offenbarung aller Zeit trennt: Es ist die Wand, die wir in der
mystischen Ekstase durchschauen. Transparenz, Diaphanität ist das Schlüsselwort
für das betrachtende, integrale Bewußtsein. Nichts verschwindet.
Alles bleibt, nur so, daß es in seinem Sosein durchschaut werden kann.
Und diese Durchschaubarkeit gibt dem Universum, dessen Mittelpunkt wir sind,
einen ungeheuer positiven Ausdruck, den uns kaum eine Ahnung hat jemals träumen
lassen. Die Einheit des Ganzen.
Buddhisten, Christen
sind Vorreiter auf diesem Gebiet. Hugo Enomiya-Lassalle ist sogar ein Wagenlenker
mit den beiden Pferden: Jesuitenpriester und Zen-Meister. Das erste und eindeutige
Beispiel der Geschichte.
Hugo M. Enomiya-Lassalle: Wohin geht der Mensch? Mit einem Vorwort von Carl
Friedrich von Weizsäcker. Freiburg: Aurum Verlag, 1988, 256 Seiten, öS
265.20/DM 34.-
Bodhi Baum, Wien, 4/1990, S. 56.