Schall und Rauch

,,Hier sterben viele, weil Schlaflosigkeit sie krank gemacht hat; denn in welcher Mietwohnung kann man schlafen? Sehr reich muß man sein, um in Rom schlafen zu können. Das ist die Hauptursache des Übels: Wagen bieben in scharfer Wendung um die Straßenecken, die Treiber schimpfen laut, wenn ihre Herde nicht weiter kann – all das würde einem Drusus oder einem Meerkalb den Schlaf nehmen. (Juvenal: Satiren)
,,Nunmehr aber, (...) habe ich, als den unverantwortlichsten und schändlichsten Lärm, das wahrhafte infernale Peitschenklatschen, in den hallenden Gassen der Städte, zu denunciren, welches dem Leben alle Ruhe und alle Sinnigkeit benimmt. Nichts gibt mir von Stumpfsinn und der Gedankenlosigkeit der Menschen einen so deutlichen Begriff, wie das Erlaubtsein des Peitschenklatschens.“ (Schopenhauer: Über Lärm und Geräusch)
Zwei Zeugen, alleine, sie sind tot. Sie sind wahrscheinlich nicht am Lärm gestorben; und das ist heute eines der Hauptargumente, in der Welt herumzulärmen; nun ja, am Lärm stirbt man nicht. Das Ärgernis ist groß: bohrende Nachbarn, natürlich zur Mittagsstunde, Autolärm; man kann die Fenster nicht mehr als schließen... schon wegen des Gestanks. In Ruhe einen Gedanken fassen? Bei den Lastkraftwagen da unten? Bei der Discomusik nebenan? Wäre ich ein Dichter, ich brauchte mir nichts auszudenken, um der Wahrheit gemäß zu berichten: Am Lärm hat sich seit 2000 Jahren nichts geändert: Er ist halt nur ein bißchen mörderischer geworden.
Gerald Fleischer, in der Lärmbekämpfung aktiv, weist darauf hin: Nicht der Lärm, der Schall, ist das Übel; er ist nur Bote: Auf die Ursache, die Schallquellen kommt es an.
Aber wir vermögen die Botschaften des Schalls kaum mehr zu entschlüsseln. Das ist sehr gefährlich, wie man gleich sehen wird. – Normalerweise ist dem Menschen ein akustischer Horizont gesetzt, der es ihm ermöglicht, alle Geräusche in seinen Grenzen zu identifizieren, nach Herkunft, Richtung und Beschaffenheit. Diese Ortung und Analyse ist für den Menschen notwendig, weil das Gehör sensibel auf Gefahren reagiert und reagieren muß! Ein Kind, das Motorengeräusch vernimmt, muß mittels Gehör erkennen, von woher das Geräusch kommt; sonst kann das Gehirn keine Signale wie „Gefahr“ aussenden, um das Kind zu warnen. Bei dem Krach des allgemeinen Straßenlärms und -getümmels ist das gar nicht möglich; das Kind läuft vors Auto: Da ist es passiert.
Wußten Sie übrigens, daß Lärm zur Umweltverschmutzung gehört? Ja Lärm ist akustischer Abfall – nur findet eine Entsorgung bisher nicht statt – oder wie hat man die Wohnungen und ganze Wohnzüge an öffentlich belebten Verkehrsstraßen zu sehen, zu verstehen?
Lärm, der die Kinder frißt, der sie am Lernen hindert, der Schlaflosigkeit erzeugt und Streß bis in die hintersten Winkel – ja, auch die Seele ist eine Wohnung. Wie glauben Sie lebt denn die nach jahrelangem Streß-Verkehr mit Smog geschwängert? Vom Lärm stirbt man nicht. Man wird vielleicht verrückt oder neurotisch, greift zu Pillen oder zum Glas und stumpft mit der Zeit einfach ab. Wollen Sie das? Der Gesetzgeber hilft nur in Ausnahmefällen.
Daß heute so ungemein wenig gegen Lärm erzeugende Schallquellen, besonders den Straßenverkehr, unternommen wird, liegt daran, daß den Aktivisten der Lärmbekämpfung keine starke Lobby zur Seite steht. Fakt ist, daß gerade die Abgestumpftheit oder nennen wir es Feierabendmüdigkeit der meisten Mitbewohner und Betroffenen die Sache schleifen läßt. Die Jugend, die sich noch für den Umweltschutz, bei den Atomkraftwerken angefangen, engagierte, hält es selbst zu einem großen Teil mit dem Krach. Mit Walkman, Discosound, Autoradio und quietschenden Reifen wird der naive Versuch unternommen, die mörderischen Schallquellen wie Straßen – Flug- und Fabriklärm zu übertönen, die unsere Spätzivilisation begleiten. Wer bekommt das in den Griff? Ein bißchen Voraussicht, wohin Lärmschädigung auf Dauer führt und welche Gefahren uns durch nervliche Zerrüttung drohen, hat wenigstens einer bewiesen: Gerald Fleischer. Sein Buch: Lärm – der tägliche Terror (Trias Verlag, 1990), das er in seiner Funktion als Universitätsprofessor mit einer jahrelangen Erfahrung in der Lärmbekämpfung schrieb, ist auch für Laien geeignet, sich ein Bild zu machen. Die verheerende Wirkung durch Lärmbelästigung und Lärmterror, verbunden mit Anleitungen, wie man sich wehren kann, wird hier auch dem Nichtsachverständingen klargemacht: Spiegelklar, ohne Panik zu erzeugen, aber doch mit soviel Pfiff, daß man nicht ruhig weiterschlafen kann, was man ja sowieso nicht kann.
Die Frage eines Widerstands gegen Lärmbelästigung sollte folgende Bestandsaufnahme vornehmen. 1) Besteht Aussicht auf Abhilfe? 2) Ist der Lärm sehr lästig? 3) Erfolgt die Belärmung in Ruhezeiten? 4) Ist die Lärmquelle sicher zu identifizieren? 5) Ist die Belärmung wiederholt oder fortgesetzt? 6) Ist das Ende der Belärmung unbekannt? 7) Läßt sich der Lärm eindeutig messen? 8) Sind Maßnahmen gegen die Lärmquelle erwünscht? 9) Bringt die Lärmquelle ausschließlich Nachteile? 10) Ist der Verursacher allgemein unbeliebt? „Je mehr“, so Gerald Fleischer, „dieser Fragen die Betroffenen mit ,,ja“ beantworten, desto wahrscheinlicher sind Beschwerden oder Anzeigen wegen der Belästigung durch Lärm.‘
Thomas lllmaier

Die Elberfelder Südstadt, Heft 1, 1991, S. 21-23



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