Buchdruckkunst
von Eckhard Froeschlin
Erhaben oder tief
Das Atelier Froeschlin, vor kurzer Zeit noch in einem Hinterhof
der Friedrich-Engels-Allee gelegen, ist inzwischen am anderen Ende Barmens
zu finden. Aber etwas von der verwunschenen Idylle in Unterbarmen haben sich
Werkstatt und Atelier bewahrt, denen man nach den ersten notwendigen Innenarbeiten
nicht mehr ansieht, daß sie einmal eine Schreinerei beherbergten.
Froeschlin, der zusammen
mit Werken seines verstorbenen Freundes und Malerkollegen Joachim Bischoff
vor einiger Zeit in der Solinger Galerie van Remmen ausstellte, ist nicht
nur als Maler und Grafiker hervorgetreten, sondern auch als Chef des Ein-Mann-Betriebes
Edition Schwarze Seite.
Vor allem aber versteht
sich Froeschlin als Künstler. In seiner Malerei greift er Themen der
Zeitgeschichte auf, die er allerdings verfremdet, indem er sie historisch,
z. B. in die Nähe amerikanischer Siege der Unabhängigkeitskriege
stellt. ,,George Washington crossing the Delaware“, nach einem Bild
von Emanuel Leutze (1851), dient ihm als zeitgeschichtliche Vorlage. Aber
was wird aus dem Thema? Anklang und Zitat und schließlich die selbständige
Fiktion, das eigentlich kreative Thema, sind, wie bei Froeschlin, in der Kunst
recht häufig.
Hier geht es jedoch nicht darum, daß jemand vom anderen abschreibt,
also ein Plagiat begeht. Man denke an Otto Dix, der mit seinem Bild ,,An die
Schönheit“ (1922, heute Von der Heydt-Museum) jenes Bild von Max
Klinger, das denselben Namen trägt, parodiert. Parodie, Kritik und Eigenes:
Auch so steht man historisch auf den Schultern der Vorfahren. Froeschlin,
Vorsitzender der Fachgruppe Kunst der IG Medien im Bergischen Land, macht
keine politische Kunst, das würde ihn einengen. Kunst braucht mehr Freiheit.
Deshalb führt er auch den Vorsitz bei der Künstlergewerkschaft,
um der Gefahr entgegenzuwirken, daß Künstler in finanziellen Notlagen
eben dadurch künstlerisch versagen.
Die dunklen Seiten
des Lebens brauchen oft ein Licht, einen Fürsprecher, um erhellt werden
zu können. Die Edition Schwarze Seite hat sich die Schwarzen Seiten des
Lebens zum Thema gesetzt. Bis jetzt sind in der Wuppertaler Edition drei Bücher
und drei Mappen-Werke entstanden: ,,Gedichte von Jorge Luis Borges“
mit Grafiken von Eckhard Froeschlin, ,,Was du heute kannst besorgen“,
eine Bilderfolge von Anne Büssow mit Texten von Gertrude Stein, und ,,Ich
bin nur der Schatten meines Traumes“, Gedichte von Joachim Bischoff
mit Originalgrafiken von vierzehn Wuppertaler Künstlern, die Bischoff,
verstorben 1990, kannten; weiter ,,Die Stadt der Frauen“, Texte von
Christine de Pizan, einer Dichterin aus dem Mittelalter, mit Farbholzschnitten
von Anne Büssow.
Im Mai ’93
wird ein Kolumbus-Buch – mit einem Faksimile des Originalbriefs von
Christoph Kolumbus an den spanischen Hof – erscheinen. Es ist mit Grafiken
von Eckhard Froeschlin illustriert.
Alle diese Bücher
sind handgesetzt, handgedruckt, handgebunden. Und im Falle des Kolumbus-Buches
mit dem Originalbrief von 1492 ist auch das Papier handgeschöpft, und
zwar von einem (produzierenden) Papiermuseum bei Barcelona. Es handelt sich
also um echte Liebhaberstücke, bibliophile Sonderausgaben für Sammler,
Verehrer der Buchdruckkunst. die hier noch ganz fachmännisch per Hand
vonstatten geht. Die meist in ,Steckschriften‘, also größeren
Typen, gesetzten Bücher erscheinen in limitierten Auflagen, die durchgehend
numeriert sind. Die dadurch ziemlich teuren Buchexemplare lassen kaum ein
echtes Geschäft entstehen. Aber die Liebe zum Buch macht das Erscheinen
eben doch möglich. Eckhard Froeschlin ist, soweit es seine Zeit erlaubt,
ständig auf der Suche nach alten, aber noch brauchbaren Schriften oder
Handpressen. Nach dem Kollaps der DDR-Wirtschaft gelang es Eckhard Froeschlin.
aus der Druckerei der Zeitung ,,Neues Deutschland“ eine noch brauchbare
und kaum benutzte Buchdruckpresse (Handpresse mit elektrischem Farbwerk) zu
erstehen. Schnäppchen also, und der Druck ist gut, wie die Resultate
zeigen.
Kuriosa, z. B. ein
aus Hongkong stammender Buchdrucktiegel für den Postkartendruck zeigen,
daß das Alte heute immer noch seinen Liebhaberwert besitzt und technisch
genutzt werden kann.
Technisch ist das
Buchdruckergewerbe heute perfekt und – was den Handdruck betrifft –
seit Gutenbergs Zeiten nicht wesentlich verändert. Jedoch werden Schrifttypen
heute kaum noch neu gegossen oder gar bei größeren Buchstabenabmessungen
in Hartholz geschnitten. Der Setzer benutzt aber weiterhin den Winkelhaken
und sein Schiff, der Drucker sein Schließzeug aus Gußeisen und
den Schließrahmen, der dann die fertige
Seite zusammenhält.
Der Name ,Edition
Schwarze Seite“ stammt übrigens von einem Gedicht des Wupperta1er
Malers Joachim Bischoff. das im bibliophilen Handdruck der Edition abgedruckt
ist. Auch die schwarzen Seiten des Lebens gehören zum wirklichen Leben.
Es ist wie mit unseren Stärken und Schwächen. „Unsere Stärken
bilden sich gewissermaßen von selber, aber diejenigen Keime und Anlagen
unserer Natur, die nicht unsere tägliche Richtung und nicht so mächtig
sind, wollen eine besondere Pflege, damit sie gleichfalls zu Stärken
werden.“ (Goethe)
THOMAS ILLMAIER
Mama, hörst Du?
Die faltigen
halt
losen
Lippen?
Bring die alte Schallplatte mit!
Mama, Dein Kind
lebt
in einem Zimmer
in einem Bett
jetzt
unter dem Blick
eines
Arztes
Mama?
Mama!
(Aus dem Band von Joachim Bischoff ,,Ich bin nur der Schatten meines Traumes“)
Froeschlin, Eckhard. Thomas Illmaier: Erhaben oder Tief. Buchdruckerkunst von Eckhard Froeschlin, In: Bergische Blätter, 8/1993, S. 22-23.