Galerie SchlötzerDie Galerie des Philipp Schlötzer
Achtung Geheimtip

Ohne Wegweiser ist sie kaum zu finden, die Schlötzer-Galerie in Wuppertal, die unter Kunstfreunden noch als ein Geheimtip gilt und in den Räumen einer ehemaligen Fabrik für Briefumschläge, einem Industriebau des 19. Jahrhunderts, Klophausstraße 25 ihren idealen Standort entdeckt hat. Das Gebäude, im Krieg zerstört und nach Kriegsende wieder aufgebaut, dient heute keinen industriellen Zwecken mehr, von einem Lagerraum der Herberts GmbH einmal abgesehen. So wurde mit viel Sinn für Public Relation aus dem ehemaligen Industriebau das heutige Kornblum-Center, dessen Mitte und Herzstück gleichsam die Schlötzer-Galerie bildet.

Bilder in der Waschkaue
Der Besucher betritt das Gebäude und ist sofort von Kunst umgeben. Moderne Kunst des 20. Jahrhunderts über drei Stockwerke – eine Atmosphäre, die nichts mit Oskar Schlemmers Bildern endloser und monotoner Treppenhäuser zu tun hat. Von Kunst umgeben, die Treppe wird zur Freitreppe, man bemerkt den Aufstieg kaum. Die Schlötzer-Galerie, im Mittelgeschoß des KornblumCenters, fürs Publikum seit Juni 1992 erreichbar, zeichnet sich durch eine großzügige Anlage aus. Die ehemalige Waschkaue der Fabrik, jetzt ohne Trennwände hergerichtet, ergibt einen lichthaften, großen Raum, in dem die Kunst des 20. Jahrhunderts atmen kann. Die Ausstellungsfläche ist so groß, daß Schlötzer zur Ausstellungseröffnung Werke von fünfzehn europäischen Künstlern zeigen kann. Mit einer gewissen Vorliebe zeigt Schlötzer seine Werke deutscher und österreichischer Kunst, vor allem Werke von Foeller und Staudacher.
Zum Herzstück der Galerie gehört die Darbietung von sogenannten Ensembles: Möbel, Skulptur und Malerei. Wer seine Wohnung mit Kunst einrichten will, darf sich bei Schlötzer nicht nur beraten lassen. ,,Mit Kunst muß man leben“ – so Schlötzer, der seinen Kunden die favorisierten Bilder mit nach Hause gibt. Kunden und Kunstfreunde sollen ausprobieren, ob sie mit der Kunst, die sie wählten, leben können. Wenn nicht, Umtausch ist möglich. Dieser Service geht über die herkömmliche Beratung weit hinaus.
Folgende Künstler sind zur aktuellen Ausstellung in der Schlötzer Galerie Mai/Juni 1992 durch ihre Werke vertreten: Alary, Cavael, Coignard, Foeller, Friedlaender. Der Reihe nach: Hammer, Hawoli, Koller, Krause, Marti und schließlich Messensee, Micus, Staudacher, Tapies, Zeyfang.

Die hohe Kunst Europas
Was bedeutet dieses Programm? Es ist überwältigend, dieses Programm in Bildern auf Holz, Leinwand, Metall, als Lithographien und Skulpturen, in eins: die hohe Kunst Europas in der Schlötzer-Galerie versammelt zu sehen. Schlötzer wird Maßstäbe setzen.
Philipp Schlötzer, seit seiner Pensionierung als Galerist tätig, leitete über zwanzig Jahre lang das Ressort ,,Autoserien-Lacke“ der Herberts GmbH. Während dieser Tätigkeit im Herberts-Management kam er in Berührung mit moderner Kunst. Prof. Kurt Herberts erlaubte es seinen Mitarbeitern, ihre Büroräume alle drei Monate neu mit anderen Kunstwerken aus der Privatsammlung Kurt Herberts zu bestücken. Zudem geriet Philipp Schlötzer auf seinen Geschäftsreisen – er war Täter und Zeuge beim Aufbau der deutschen und europäischen Automobilindustrie – immer wieder an Künstler, deren Kontakt er suchte. Nach seiner Pensionierung konnte er seinen Kindheitstraum, Innenarchitekt und Karrikaturist zu werden, einen Traum, dessen Erfüllung der zweite Weltkrieg zerstörte, annähernd wahr werden lassen.


Maßstäbe setzen
Die Schlötzer-Galerie ist in der Tat ein Traum, und die Künstler, die hier ausstellen werden, dürften es nicht bereuen, diese Adresse gewählt zu haben – wenngleich der Galerist für den kommerziellen Erfolg nicht garantieren kann. Galeristen sind wie Künstler auch risikofreudige Menschen. Sie sehen zum Teil das menschliche Schicksal, das sie selbst erfahren, in den Werken der Künstler ihrer Wahl. Das verbindet den Galeristen mit dem Künstler und begründet auch den Glauben an die Kunst. Werke, die fünfzehn Jahre in einer Galerie schlummern (man denke an die Werke von Baselitz), ehe sie einen Käufer finden, brauchen den Mut und den Zuspruch des Galeristen, der langfristig denken und planen kann. Anders hat Schlötzer auch im industriellen Management nicht gehandelt. Weitblick und Geduld also: Schließlich konnte man Zeichnungen von Paul Klee auch einmal für hundert Mark erwerben.

THOMAS ILLMAIER

Zwei Bilder: Ein Foto mit Blick in die Galerie und auf die Kunstwerke; ein Foto mit Philipp Schlötzer.

Bergische Blätter, 11/1992, S. 18.


Seite Drucken zur Übersicht | Startseite