Surya GreenHeitere Gelassenheit
Tibetischer Buddhismus in Deutschland

Will man genaueres über die Heiligen unserer Zeit wissen, holt man sich Auskunft am besten bei Surya Green. Sie begegnete auf ihrer Weltreise, mit Ausgangsort Indien, den Weisen unserer Zeit: Krishnamurti, dem Dalai Lama, Inayat Khan. Im Norden Europas traf sie Martinus Thomsen, den dänischen Weisen, der im Lichte Jesu lebt. In Amsterdam begegnete sie einem buddhistischen Weisen und Meister, Gyalwa Karmapa.
Karmapa ist das Oberhaupt einer der vier buddhistischen Orden des Tibetischen Buddhismus. Der Karma Kagyü Orden, zu unterscheiden vom Gelugpa Orden, dem beispielsweise der Dalai Lama angehört, wird vom Karmapa geleitet. Seit der chinesischen Invasion Tibets 1959 leben fast alle religiösen Oberhäupter Tibets im Exil in Bhutan, Sikkim oder Indien.
Gyalwa Karmapa, dessen Karma Kagyü Orden vor allem die Wichtigkeit der praktischen Meditation betont, etwa im Gegensatz zum mehr studienorientierten Gelugpa Orden, schickte rechtzeitig vor seinem Tode 1981 seine wichtigsten Schüler Ole Nydahl, Trungpa Rinpoche u. a. in den Westen, um Buddhismus zu lehren. Ole Nydahl gründete in Deutschland viele Zentren der Karma Kagyü Tradition, Trungpa ging nach Amerika.
Der Hauptsitz der Karma Kagyü in Deutschland ist das Kamalashila Institut auf Schloß Wachendorf, einem stillen Dörflein in der Eifel bei Köln. Vor dem Hause die blau-gelbe Glücksfahne und der obligatorische Stupa, ein kirchturmähnlicher Bau, der geistigen Frieden symbolisiert.
Lama Tashi, spiritueller Lehrer am Kamalashila Institut, empfängt alle Besucher mit heiterer Gelassenheit. Er weiß, welche Leute kommen, und vor allem, was er ihnen bieten kann. Da kommen Leute mit familiären Problemen, am Leben Unzufriedene oder Drogenabhängige. Es kommen Leute, die religiöse Erfüllung suchen, die sie woanders bisher nicht finden konnten. Christen kommen selten, und wenn sie kommen, ist der Grund ihres Haderns mit der christlichen Religion nicht bei Christus zu suchen, sondern meist in der Einstellung dieser Menschen zu ihrer Religion zu finden. Auch wer zum Buddhismus kommt, braucht Vertrauen, damit sich buddhistische Weisheit ihm erschließen kann.
Lama Tashi guckt sich die Leute genau an, die zu ihm kommen. Ganz allgemein legt der Buddhismus Wert auf Weisheit und Mitgefühl. Diese Kräfte werden durch gezielte Meditation gefördert. Eine Besonderheit des Tibetischen Buddhismus sind seine vielen Bilder. Der Schreinraum des Kamalashila Instituts beherbergt kostbare Buddhastatuen und sogenannte Thangkas, Meditationsbilder, die buddhistische Heilige zeigen. Diese Bilder dienen der Kontemplation. Erst wenn ein Bild wie der Buddha Chenrezig (sanskrit Avalokiteshvara), der Weisheit und Mitgefühl symbolisiert, ganz als geistiges Bild vor dem inneren Auge nachgeschaffen und festgehalten wird, kann ein solches Bild religiöse Heilung bewirken, indem der Meditierende ganz dieses geistige Bild in sich aufnimmt und mit ihm verschmilzt. Der Hunger nach geistiger Nahrung der Menschen ist groß, und hier wird er, ist der Meditierende zur Übung gewillt, auch gestillt.
Was Menschen aller Altersgruppen zum Buddhismus zieht, ist eine erlernbare Meditationshilfe, die es ihm ermöglicht, zur Gier nach materiellen Dingen, die letztlich keine Befriedigung geben, eine Alternative zu entwickeln. ,,Der Mensch lebt nicht vom Brot allein“, dieses Herrenwort ist im Tibetischen Buddhismus eine durchaus nachprüfbare Wahrheit.
Die Begegnung mit dem buddhistischen Meister, dem der Hauch des Yogi anhaftet, der jahrelang in den Höhlen des Himalaya meditierte, um Erleuchtung zu finden – die Begegnung mit solch einem Wesen ist wahrscheinlich das größte Erlebnis für einen Menschen, der nach dem Erwachten, dem Buddha, sucht. Surya Green schildert in ihrem Buch „Der Ruf der Sonne“ (Bauer Verlag) die Begegnung mit Gyalwa Karmapa in Amsterdam:

,,Endlich kam das, worauf wir alle gewaitet hatten. Der Karmapa nahm die Schwarze Krone (Ritualgegenstand des Tibetischen Buddhismus) aus der Schachtel und setzte sie sich auf den Kopf. Einen kurzen Moment lang schwankte er rückwärts, so als würde eine starke Kraft ihn aus dem Gleichgewicht bringen. Seine Augen rollten nach oben. Dann schaute er geradeaus. Von meinem Platz aus befand ich mich genau in seiner Blickrichtung, und seine Augen hefteten sich auf meine und drangen tief in mich ein. Dann war da etwas wie Nebel, die Umrisse wurden undeutlich. Die ganze Szenerie vor mir sah plötzlich aus wie ein Thangka, ein tibetisches Kultbild. Im Zentrum des Thangkas befand sich keine Buddha-Figur sondern der Karmapa selbst. Dann begann das ganze Bild emporzuschweben, vom Boden weg. Ich sah den Karmapa weiter an, der mich mit seinen Augen festhielt und mit sich emporhob. Mir kam eine Sturzflut von Visionen – himmlische Wesen, Engel, Buddhas. Von dem Thangka und Karmapa emporgezogen, verlor ich jegliches Gefühl für den Ort und die Menschen um mich herum und gelangte schließlich in einen (geistigen) Raum, den ich aus früheren Erfahrungen wiedererkannte.“

Was Surya Green beschreibt, bestätigt, daß die jahrelang in Meditation geschulten Tibeter, besonders wenn sie hochrangige Lamas, Lehrer, oder gar Rinpochés, geistige Juwelen, sind, etwas von jener konzentrierten Energie ausstrahlen, die einen in der Begegnung mit solchen Persönlichkeiten aus dem Alltagsbewußtsein heraustreten läßt.
Die geistige Schulung der Buddhisten ist für die westliche Psychotherapie von großem Interesse. So bietet das Kamalashila Institut regelmäßig Kurse an, die helfen, ,,Geisteskrankheit‘, die oft eine spirituelle Krise ist, geistig zu heilen. Auch die im Westen vernachlässigte Sterbehilfe ist ein Teil des buddhistischen Seminarprogramms. Der buddhistisch-christliche Dialog wurde bislang gepflegt, wenngleich durch personelle Umbesetzung derzeit auf diesem Gebiet eine Flaute eingetreten ist. Frischen Wind für den interreligiösen Dialog bringt Alois Kraft M.A. ins Kamalashila Zentrum, der seine Studien auf ,,Realitätskonzepte im Buddhismus“ konzentrierte.
Manches mutet im Tibetischen Buddhismus esoterisch an. Die Wiedergeburtslehre, die Krux für den aufgeklärten Abendländer und Christen, macht auch den Anhängern des Tibetischen Buddhismus und namentlich Gyalwa Karmapas Anhängern zu schaffen. Der aufgekommene Streit im Karma Kagyü Orden, wer denn jetzt als Wiedergeburt des 1981 verstorbenen Karmapas anzusehen ist, kann allerdings Lama Tashi und seine freundlichen Weggefährten nicht erschüttern. Ein Streit habe, so Lama Tashi, immer einen Sinn, und der werde sich unweigerlich offenbaren, wenn die Zeit reif dazu ist.

Thomas Illmaier

Esoterik und Wissenschaft, Mai-Aug. 1995, S. 42-43.


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