VON
DER HEYDT-MUSEUM
Schonungslos direkt
,,Abwegige Zöglinge“ nannte Alfred Hrdlicka die
Seminaristen des Priesterseminars Salzburg, die seine Skulptur ,,Der Gekreuzigte“
mit Exkrementen beschmierten. Die Seminaristen hatten sieh gegen die allzu
prunkende Nacktheit des Marmortorsos von 1959 empört. Seitdem ist die
Kritik an dem umstrittenen Bildhauer nicht verstummt.
Das Von der Heydt-Museum stellt zur Zeit Zeichnungen von Hrdlicka aus, die
durch schonungslose Direktheit ebenfalls in die Augen ,,springen“. Vor
allem die überlebensgroßen Fastentücher ,,Der verlorene Sohn“,
die ursprünglich in St. Michael zu Wien ausgestellt waren. Da wird der
verlorene Sohn gezeigt, wie er in Mülleimern nach Nahrung sucht, mit
Ratten speist, nachdem ihm das väterliche Erbe – durch Zecherei,
Hurerei, ein Leben ,,in Saus und Braus“ – durch die Finger geronnen
und schließlich ausgegangen war. Der nachdenkliche Vater und der in
Demut vor ihm kniende Sohn sind nur als Schatten und Gegenbild zur –
ebenfalls dargestellten – offiziellen Begrüßungszeremonie
mit Wiedersehensfreude dargestellt.
Hrdlickas Bilder
wollen mehrschichtig gesehen und betrachtet werden. Auf den ersten Blick mag
eine Szene wie die ,,Verspottung Christi“ lächerlich erscheinen.
Durch wechselseitige Identifikation wird einem das Lachen aber bald im Halse
steckenbleiben. Wo jeder gern vorüberschleicht, bleibt Hrdlicka stehen:
Intelligenz, Empfindsamkeit, Bildung und Erfahrung zeigen den Gegenstand mit
einer Genauigkeit, die schmerzt. Und doch erlöst! Hält man den Blick
des Künstlers aus, durchschreitet mit ihm das Repertoire, das psychologische
Saitenspiel vom schwärzesten Sarkasmus zum heißenden Zynismus,
erkennt den Bruder Ironie und die humorige Schwester, wird bewußt, was
psychologisch, aber auch politisch verstanden werden kann.
Seit 35 Jahren streitet man sich um Alfred Hrdlicka, der mit seiner Kunst,
mit der religiösen vor allem, nicht mystifizieren, sondern aufklären
will.
Thomas Illmaier
Von der Heydt-Museum ,,Alfred Hrdlicka — Zeichnungen und Skulpturen“
bis 11. ]uni 1995. Katalog (Harenberg Edition) 68 Mark. Zur Ausstellung wird
um 11 und um 15.30 Uhr, donnerstags zusätzlich um 19.30 Uhr, der Videofilm
,,Am Anfang war die Bildnerei — Alfred Hrdlicka“ gezeigt.
Alfred Hrdlicka: Der verlorene Sohn. Fastentuch.
DER WEG, 22/1995, S. 7.