Hyun-Sook SongDER GONG

Natürlich reicht es nicht, sich ein Foto der Malerei von Hyun-Sook Song anzuschauen. Kein Foto, und sei es technisch noch so aufwendig hergestellt, trifft den Ton des Originals. Im Frühjahr 1997 bot sich die Gelegenheit, Hyun-Sook Songs Malerei anhand der Originale im Osthaus-Museum in Hagen und im Kunstverein Freiburg zu sehen. Hyun-Sook Song lebt in Hamburg.
Die großformatigen Bilder von Hyun-Sook Song geben eine monochrome Oberfläche wieder. Der in Grün und Sepiabraun gemischte Farbklang ist so rein und einheitlich schwingend, als höre man den Ton eines alten Gongs. Dieser Ton bildet die Grundlage von Hyun-Sook Songs Malerei. Vor diesem monochromen Hintergrund erheben sich Gestalten wie ein Haus, ein Stuhl, eine Ratte, ein Tiger, nur ganz selten eine menschliche Gestalt. Der tiefe Ton, der sich als grünbraune Oberfläche eignet, das Alte, die Tradition, Herkunft, den Geist der Ahnen anklingen zu lassen, trägt zugleich die allmenschlich kommunizierbare Gegenständlichkeit, deren Bedeutung man in Asien wie auch in Europa versteht. Leere und Form in den Ausprägungen der Kunst von Hyun-Sook Song lassen das buddhistische Elementarbewußtsein Ostasiens erklingen.
Hyun-Sook Song lebt seit 1972 in Deutschland, studierte hier und versucht den Geist der koreanischen Vergangenheit mit modernen Mustern der westlichen Zivilisation zu verbinden. Das westliche Element in ihrer Malerei sind die autonomen Pinselstriche, die an sich (malerische) Bedeutung haben, zugleich aber ikonographische Muster des traditionellen Lebens in Korea erinnern. So ist der in ihren Bildern oft wiederkehrende Pfahl in der buddhistisch schamanistischen Tradition Koreas der Ort, an den bestimmte Geister gebannt werden können. Der Giebel eines Hauses ist an koreanischer Tempelarchitektur orientiert und umschließt konkav jeweils zwei konvex gewölbte Ziegel, womit das Ineinandergreifen von Yin und Yang (koreanisch um-yang) ausgedrückt wird. Ratte und Tiger stehen als Krafttiere mit den Geistern in Verbindung. Der Tiger, heute in Korea ausgestorben, war der Bote der Berggeister, der befähigt war, die bösen Geister von den Gräbern zu vertreiben.
Seit dem Tod ihres Bruders widmete sich Hyun-Sook Song dem traditionellen Schamanentum Koreas, ging bei einer Schamanin in die Lehre und studierte die uralten Rituale zur Beschwörung des Geistes und seiner Befreiung. Dem dienen auch die oft dargestellten Knoten von Bändern und Schnüren in ihren Bildern, die der Religiöse wie ein Koan lösen muß, um seinen Geist zu befreien.
Die große Kunst Hyun-Sook Songs, die uns im Westen so sehr bereichert, liegt in der Realisation großer Offenheit, Einfachheit, der Reduktion auf das Wesentliche im menschlichen Leben.

Thomas Illmaier

Bild: „Drei Pinselstriche“, 1995, Eitempera auf Papier, 34 x 49 cm von Hyun-Sook Song (Osthaus-Museum).

Thomas Illmaier: Die Steppe. Vogtsburg-Bischoffingen, 1999. S. 160.


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