Das Unterwegssein ist das eigentlich Wichtige
Düsseldorfer Institut untersucht die Bedeutung des Wallfahrens für Leib und Seele

Wenn Rheinländer zu Wallfahrten aufbrechen, dann auch in nahegelegene Ortschaften wie Kevelaer oder Telgte im Westfälischen. In Düsseldorf gibt es ein Internationales Institut für kulturvergleichende Therapieforschung, kurz: IIKT. Von zwölf Ärzten und Psychologen 1990 gegründet, richtet das von Dr. Walter Andritzky geleitete Institut seine Arbeit vor allem auf die Erforschung traditioneller Medizinsysteme in Europa, Amerika und Asien. Und so gilt die Aufmerksamkeit der Wissenschaftler unter anderem auch den psychosozialen Aspekten des Wallfahrtswesen. Umfragen unter Teilnehmern an Wallfahrten hatten ergeben, daß viele von ihnen Anliegen gesundheitlicher Art mit zum Wallfahren nehmen.
Auch die neuere Forschung geht davon aus, daß an der Wallfahrt das Wallen, also der Weg zum Wallfahrtsort, das eigentlich Wichtige ist. ,,Fußwallfahrten“, so Dr. Andritzky, ,,enthalten eine große Anzahl Einzelstimuli mit bewußtseinserweiternder Potenz.“ Langes rhythmisches Gehen in Verbindung mit den monotonen Gebetsformeln kann nach seiner Einschätzung sogar zu euphorischen Bewußtseinszuständen und schmerzstillenden Effekten führen. Doch gesicherte Daten über Heilungen während des Wallfahrens liegen ebensowenig vor wie einleuchtende Begründungen für sogenannte Blitzheilungen an Wallfahrtsorten. Pilger aber berichten von Schocks, Ohnmachten und heftigen Schmerzen sowie Zittern oder Heißhunger während des Heilvorgangs. Dabei kommt es, so erklären Mediziner, zu blitzartiger Neubildung von Körpergewebe. Entzündungen, Blut-, Wasser- und Eiteransammlungen können verschwinden.
Seit der Ablehnung des Wallfahrtswesens durch Luther und dem Verbot desselben durch Joseph II. – der das Wallfahren als ,,Aberglauben“ abtat – haben sich der Charakter der Wallfahrten und die Motive der Wallfahrer stark verändert. Vom Einzug der Technik beeinflußt sieht Andritzky das moderne Wallfahren. Durch moderne Verkehrsmittel, mit denen die Pilger heute zu den Wallfahrtsorten fahren, verflache das Erleben. ,,Die Idee der Wanderschaft in der Fremde, der Entbehrung, Unbehaustheit und Gefahr unterlag einem Prozeß der Entspiritualisierung.“
Thomas Illmaier

DER WEG, 35/1995, S. 3.

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