,,Revolution der Philosophen?“
Es gibt zwei Dinge die wichtig sind: Die Erkenntnis und der
Tod. Erkenntnis und Tod sind ein und dasselbe, nur aus verschiedenen Blickwinkeln
betrachtet. Erkenntnis als geistiger Vorgang offenbart genauso die Leere wie
der Tod, der uns vornehmlich auf der materiellen Ebene ergreift. Am eigenen
Körper erfahren wir, was Sterben ist. zugleich erkennen wir: Der Geist
nimmt die Leere wahr. Sterben und Erkennen führen also zum selben Grundresultat:
dem Nichts. Was auf der Ebene des Körpers das Sterben, ist auf der Ebene
des Geistes die Erkenntnis: Beides löst die Phänomene auf. „Man
suche nur nichts hinter den Phänomenen. sie selbst sind die Lehre.“
Sie lehren uns das Nichts der Erkenntnis und des Todes.
Der Nihilismus geht
in seine zweite Phase, der Ihn in die Nähe des Buddhismus rückt.
Der Nihilismus als ideologischer Reflex auf das sich öffnende Nichts:
Die umweltnihilistische Katastrophe. Die Erde stirbt, und so erkennt der Mensch:
Was sich auflöst. stirbt. Was stirbt – erkennt. Es ist ein und
dieselbe Grundstruktur: Lysis. die zum Nichts hinführt. – Ein Problem
kann man lösen: Nichts bleibt: Das Problem ist gestorben. Was man wahrhaft
erkennt, das löst sich auf: Die Wahrheit wird euch frei machen. Was das
Nichts vorgaukelt, ist die Freiheit, die mit Ihm in letzter Konsequenz einhergeht:
Auch Gott ist Nichts. Und der sterbende Christus, der das Leid der Menschen
auflöst, stirbt in Gottes Reich: Da bleibt keine Sünde übrig.
Nirvana ist das Erlöschen aller existentiellen Zusammenhänge im
Nichts der Erkenntnis. Eine höhere Lösung gibt es nicht –:
Doch wer behauptet, Gott schaffe aus dem Nichts etwas, der fällt hinter
die Schöpfung und ihre Offenbarung zurück: Die Schöpfung offenbart
das Nichts, worauf die Wege des Menschen, die Gottes Wege sind, zulaufen:
das Nichts, Nirvana, das Erlöschen der Wege, wir sind angekommen. Nichts,
das ist der Grundklang unserer Zeit.
So findet die Zerstörung
ihren letzten Sinn. wenn sie im Endhorizont die Flügel der Religionen
berührt: Nirvana und das Nichts – Die wahre Auferstehung gebiert
nicht weiter: Warum denn noch einmal? Nietzsche ist tot, und das soll er auch
bleiben.
Der Nihilismus ist der Reflex, der Spiegel der Zerstörung unserer Zeit:
Das Nirvana der Buddhisten für abendländische Verhältnisse
geprägt. Und siehe da: Wir haben Gesellschaft, die Tradition des Nihilismus
ist älter als die Zeit – und in den großen Zerstörungen
wird das Nichts, die letzte Wahrheit deutlich, mit dem Nirvana endet auch
das Nichts und das ganze heilige Leben.
Das Nichts ist also
Heilsziel, das seinen Sinn verliert, wenn der Einzelne, ja die ganze Menschheit
dort angekommen ist. Die ganze Geschichte ist Wagnis auf das letzte Ziel hin.
Daher die vielen Opfer, die vielen Versuche, die vielen Leben, die einen tödlichen
Ausgang nahmen. Ein ewiges Leben gibt es nicht: ein absolutes Nichts gibt
es auch nicht; denn sobald wir das Ziel erreichen, werden wir eins mit ihm,
sodaß keine Unterscheidung uns mehr von Gott, vom Nirvana, dem ewigen
Leben trennt. Das heißt, das Ziel zu erreichen.
Wir wären verrückt, aus dem Nichts eine Welt zu projizieren, die
nur unser Traum sein kann. Eine neue Weltillusion. Dieser Versuch ist endgültig
gescheitert. Natürlich projizieren wir auch weiter; denn die Illusion
ist das Korrelat der Hoffnung; aber ich schätze, schwören mag ich
nicht, daß wir immer weniger Illusionen zum Leben brauchen, das einmal
ganz aufhört. auch der Geist hört auf, wenn er Nirvana erreicht.
– Diese Metaphysik muß man im Hinterkopf haben. wenn man verstehen
will, warum die Menschen die Welt zerstören, während sie meinen,
sie retteten sie. Der Retter ist in Wahrheit der Tod im Radikalsinn des Wortes
verstanden.
Solchen Worte sind
nicht populär. aber sie sind die einzige Antwort auf die Weltkatastrophe;
als Worte dürsten sie auch nach Erlösung im Nichts.
– Im Nirvana der Erkenntnis, im Tode des Leids.
Thomas Illmaier
Der Literat, 6/1991, S. 25