Symposium: Fernöstliches zur Globalisierung in Köln
Indra – Herr des Universums
,,Weltumspannende Netze der Kommunikation, wirtschaftliche
und kulturelle Verflechtungen übergreifen die Kontinente und verbinden
die Menschen der unterschiedlichsten Kulturen. Diese Entwicklung beschleunigt
den rapiden Wandel der Lebensformen und das Zerbrechen des überlieferten
Beziehungsgeflechts von Mensch, Natur und Kultur weltweit. Doch steht diesem
Wandel noch kein vergleichbarer Wandel im Felde des menschlichen Bewußtseins
gegenüber, der die Voraussetzung für einen ganzheitlichen, verantwortungsvollen
Umgang mit Natur, Mensch und Technik bilden könnte. So bewegt der Ruf
nach neuer Ethik Ost und West. Die Herausforderung, einen umfassenden Entwurf
zukunftstragender Ethik zu gestalten, ist in einer zusammenwachsenden und
vernetzten Welt nur in der geistigen Zusammenarbeit aller Kulturen zu leisten.“
Diese Sätze
bezeichneten Ausgangspunkt und Anliegen des Symposiums ,,Indras Netz –
Globale Vernetzung als kulturelle Herausforderung“, zu dem sich eine
Reihe von Wissenschaftlern kürzlich in Köln trafen. Veranstaltungsorte
waren unter anderen das Japanische Kulturinstitut, das Museum für Ostasiatische
Kunst und die Universität. NRWs Kultusministerium hatte die Schirmherrschaft
übernommen. Man zitierte das Wort Buddhas: ,,Ich habe keinen neuen Weg
entdeckt, sondern einen alten wiedergefunden.“ Als mythischer Spiegel
der zeitgenössischen Welt wurde das ,,Netz Indras“ beschrieben:
Der alte Vedengott besaß dieses Zauberwerkzeug, das er um den ganzen
Kosmos warf, der darin gefangen ward: Indra galt als Herr des Universums.
Die im Eingangszitat
enthaltene Forderung nach einer Weltethik, auch als ,,Projekt Weltethos“
(Hans Küng) bekannt, läßt sich nach Meinung der Referenten
entscheidend durch den fernöstlichen Buddhismus begründen, sekundiert,
gestaltet und gestützt von der holographischen Physik des ausgehenden
Jahrtausends. Karma wird von daher nicht als individuelles Geschehen, sondern
als interagierende Konvergenz von Teil (Prozeß) und dem Ganzen (Kosmos)
gesehen. Der einzelne vermag das nicht zu überschauen, der Weltprozeß,
in den uns die modernen Medien, der Computer und das Internet im Zeichen der
Globalisierung steuern, wird jedoch sichtbar in verschiedenen Reflexionen
der modernen Kunst, die parallel zum Symposium ausgestellt wurden. Diese Werke
in ihrer mythischen Gläubigkeit behaupten in unserer Zeit ihren absoluten
Wert. Das Begleitbuch ist bei Disegno, Gundelinggasse 4, D-80806 München,
erhältlich.
THOMAS ILLMAIER
Junge Freiheit, 51/1997, S. 13.
KEIN SCHÖNER LAND...
Wie das Kegon-Sûtra das moderne Weltbild inspiriert
Zum Symposion „Indras Netz - Globale Vernetzung als
kulturelle Herausforderung“ traf sich eine Reihe von Wissenschaftlern
in Köln im Herbst 1997. Das Symposion, das im Gürzenich in Köln
vom 31.10. bis 2.11.1997 stattfand, wurde von der Disegno Gesellschaft für
interkulturelle Studien, München veranstaltet.
Globalisierung heißt
das Schlagwort für eine rasante Entwicklung der Technik, die den Erdball
umfaßt und die nach Milliarden zählende Menschheit in ganz bestimmte
Denk- und Bewußtseinsbahnen zwängt. Auch hier gilt das Wort des
Buddha: „Ich habe keinen neuen Weg entdeckt, sondern einen alten wiedergefunden.“
Der mythische Spiegel der Entwicklung des zeitgenössischen Weltbildes
ist das „Netz Indras“. Der alte Vedengott besaß dieses Zauberwerkzeug,
das er um den ganzen Kosmos warf, der darin eingefangen ward: Indra galt als
Herr des Universums. Vajra, Haken und Netz waren seine Attribute. Das Netz
bestand aus Kristallperlen, in jedem Knoten eine, in der sich das gesamte
Netz und alle anderen Perlen widerspiegelten. Das Prinzip der Holographie,
das heute Physik und Philosophie bestimmt, ist als mythisches Bild schon vor
tausenden von Jahren vorweggenommen und lebt heute wieder auf. „Indras
Netz“ fand auch Eingang in den chinesischen und japanischen Buddhismus.
Es begründet die Lehre von den reinen und strahlenden Buddhaländern,
wie sie maßgebend das umfängliche Avatamsaka-Sûtra beschreibt,
das noch heute in hohen Ehren in China, Japan und Tibet steht. Die Buddhaländer
waren das Vorbild regierender Kaiser in Japan und China, die in ihnen die
Urbilder für weltliche Macht sahen. Die chinesische Kaiserin Wu (reg.
500-705) legitimierte ihre Herrschaft unter Berufung auf die reinen Länder
des auf dem Avatamsaka-Sûtra fußenden Hua-yen Buddhismus und begründete
so eine neue Dynastie. Hua-yen bzw. Kegon (das japanische Gegenstück)
waren staatstragende Philosophien und zeigen auch heute wieder ihre integrierende
Kraft.
Die Akteure von „Indras
Netz“ formulierten ihre Bedenken und Hoffnungen bezüglich fortschreitender
Globalisierung wie folgt:
Weltumspannende Netze der Kommunikation, wirtschaftliche und kulturelle Verflechtungen
übergreifen die Kontinente und verbinden die Menschen der unterschiedlichsten
Kulturen. Diese Entwicklung beschleunigt den rapiden Wandel der Lebensformen
und das Zerbrechen des überlieferten Beziehungsgeflechts von Mensch,
Natur und Kultur weltweit. Doch steht diesem Wandel noch kein vergleichbarer
Wandel im Felde des menschlichen Bewußtseins gegenüber, der die
Voraussetzung für einen ganzheitlichen, verantwortungsvollen Umgang mit
Natur, Mensch und Technik bilden könnte. So bewegt der Ruf nach neuer
Ethik Ost und West. Diese Herausforderung, einen umfassenden Entwurf zukunftstragender
Ethik zu gestalten, ist in einer zusammenwachsenden und vernetzten Welt nur
in der geistigen Zusammenarbeit aller Kulturen zu leisten.
Die geforderte Weltethik,
auch als „Projekt Weltethos“ (Hans Küng) bekannt, läßt
sich ganz entscheidend durch den fernöstlichen Buddhismus begründen,
sekundiert, gestaltet und gestützt von der holographischen Physik des
ausgehenden und anbrechenden neuen Jahrtausends. Karma wird von daher nicht
als individuelles Geschehen, sondern als interagierende Konvergenz von Teil
(Prozeß) und dem Ganzen (Kosmos) gesehen. Der einzelne mag das nicht
überschauen, der Weltprozeß, in den uns die modernen Medien, der
Computer und das Internet im Zeichen der Globalisierung steuern, wird jedoch
sichtbar in den Reflexionen der modernen Kunst wie den Installationen von
Koken Nomura, z.B. dem „Ort der Verdichtung“, seinen technischen
Mandalas oder in der Malerei von Shizuko Yoshikawa, der seine „Kosmischen
Gewebe“ anläßlich des Symposiums zeigte. Traditionelle Kunst
des Buddhismus’, angelehnt an das Avatamsaka-Sûtra, war ebenfalls
während des Symposiums „Indras Netz“, und zwar im Museum
für Ostasiatische Kunst in Köln zu sehen. Diese Werke in ihrer mythischen
Gläubigkeit behaupten in unserer Zeit ihren absoluten Wert - Kegon und
das umfassende buddhistische Denken Asiens werden im nächsten Jahrtausend
unser Weltbild aktiv entscheiden. Im Westen gibt es Vergleichbares eher aus
vorchristlicher Zeit, deren Traditionen aber weitestgehend verschüttet
sind. Auf das Gesicht des Christentums im nächsten Jahrtausend darf man
gespannt sein.
Der Titel des vorliegenden Textes ist der Anfangszeile des bekannten deutschen Volksliedes „Kein schöner Land in dieser Zeit“ entlehnt.
Thomas Illmaier
Hinweis: Das Avatamsaka-Sûtra ist vollständig ins Deutsche von Torakazu Doi unter dem Titel „Kegon-Sûtra“ (4 Bde., Tokyo 1978-83) übersetzt worden. Eine Auswahl ist unter dem Titel „Alles ist reiner Geist“ im O. W. Barth Verlag erschienen. Das Begleitbuch zum Symposium „Indras Netz - Globale Vernetzung als kulturelle Herausforderung“ ist bei Disegno e.V. (Gundelindenstrasse 4, D-80805 München) erhältlich.