Thomas ILLMAIER:
Herzzerreißende Verzweiflung
Zum 50. Todesjahr von Else Lasker-Schüler
„Ich weiß, daß ich bald sterben muß“,
heißt es in Else Lasker-Schülers gleichnamigem Gedicht, dessen
prophetische Vision auf ihr eigenes Ende hindeutet: „Ich weiß,
daß ich bald sterben muß (...) Mein Odem schwebt über Gottes
Fluß – / Ich setze leise meinen Fuß / Auf dem Pfad zum ewigen
Heime.“
1945, am 22. Januar
verstarb die Dichterin Else Lasker-Schüler in Jerusalem nach einem akuten
Herzinfarkt und fast völliger Entkräftung. ,,Ich fand sie rein zufällig
an einem ihrer letzten Tage auf der Straße in einem desolaten Zustande“,
berichtet später der Arzt Adolf Wagner an Karl Wolfskehl, ,,wie sie sich
an einem Baume festhielt, um nicht umzufallen. Sie war ganz blaßblau,
stark unterernährt, halb verhungert. Ich bot ihr meine Hilfe an, sie
wollte sich weder tragen noch stützen lassen.“ So war sie gewesen,
kraftvoll und stolz noch bis an ihr Lebensende, die ewig verliebte Else Lasker-Schüler,
die Dichterin, der die Bohème von ganz Berlin einst zu Füßen
gelegen hatte, die ihre Werke, Gedichte und Zeichnungen – ihre ganze
Person wie eine Göttin verehrte. Zeitzeugin Claire Goll schreibt in ihren
Lebenserinnerungen: „Sie beherrschte ihre Bewunderer und genoß
ihren Ruhm mit lässigem Hochmut. Ein Blick von ihr ließ alle Schranken
fallen, mit einem Lächeln erfüllte sie alle Wünsche...“
Else Lasker-Schüler,
geboren am 11. 2. 1850 in Elberfeld bei Wuppertal, erlebte den Glanz des Vorkriegs-Berlin.
,,Sie war die Heldin einer ganzen Generation, und jede ihrer Veröffentlichungen
breitete ihren Ruf weiter aus.“ Viele Künstler, die später
berühmt werden sollten, waren ihre Freunde. Sie kannte den Maler Franz
Marc, den sie liebte und dessen Kriegstod diese Liebe so abrupt enden ließ.
Sie schrieb Franz Marc, ihrem ,,Blauen Reiter“, zärtliche Briefe:
,,Aber Deine glückseligen blauen Pferde sind lauter wiehernde Erzengel
und galoppieren alle ins Paradies hinein, und Deine heiligen, geheiligten
Lamas und Hirschkühe und -kälber – sie ruhen in geweihten
Hainen. Viele Deiner Priestertiere riechen nach Milch. Du ziehst sie selbst
im Rahmen groß. Ehrwürdiger, blauer Großgeistlicher!“
Else Lasker-Schüler,
die in den ,,Roaring Twenties“ zur ,,strahlend umschmeichelten Königin
von Berlin“ emporstieg, begegnete dem Nationalsozialismus hellsichtig
und manchmal provokativ. Unmittelbar nach der Machtergreifung Hitlers kommt
es zu einem Handgemenge auf der Straße, nachdem Else Lasker-Schüler
vorbeiziehende SA-Männer durch das Singen provokanter Texte gereizt hatte.
Sie wird am Arm verletzt; Freunde überzeugen die Jüdin von der Notwendigkeit,
Deutschland zu verlassen.
Deutschland zu verlassen! Zunächst ging‘s in die Schweiz. Die schöne
Alpenrepublik jedoch bot Else Lasker-Schüler keine Zuflucht. Auseinandersetzungen
mit der Fremdenpolizei und schließlich Verweigerung der Aufenthaltserlaubnis
– ,,Aus vorsorglich armenpolizeilichen Gründen. Überfremdung“,
wie es in der amtlichen Mitteilung heißt – und dazu ständig
Geldsorgen ließen die Frau schier verzweifeln. Sie tritt 1939 ihre dritte
Palästinareise an. Der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges verhindert die
Rückkehr nach Europa endgültig.
Palästina, das
war für Else Lasker-Schüler das Gelobte Land gewesen, wenigstens
ihr Traum davon. Sie, die sich in ihren Gedichten mit allen Farben der Poesie
gegen die Schrecken des Krieges zur Wehr setzte, schrieb als Liebende über
ihr Gelobtes Land: ,,Ich will in Palästina die Herden hüten und
mit ihnen weiden auf den Wiesen, wo menschenfrohe Gräser wachsen und
man sich zwischen Stengeln und Rauschen verstecken kann...“ Verstecken
konnte sie sich in Palästina allerdings nicht. „Dort war sie“,
wie Claire Goll berichtet, ,,weder Dichterin noch berühmte Frau. Nichts
als eine Emigrantin unter anderen. Die große Else Lasker-Schüler
starb allein und unbeachtet.“
Der 50. Todestag
der Dichterin 1995 stand unter dem Motto ,,Sieh in mein verwandertes Gesicht“.
Große Ausstellungen in Wuppertal und Zürich greifen dieses Wort
der Dichterin auf. So scheint es gewesen zu sein. Glaire Goll: „Ich
besitze ihre Totenmaske: Von diesem Stückchen Gips sind alle Enttäuschungen,
aller Überdruß abzulesen, eine herzzerreißende Verzweiflung.
Jede Falte erhebt furchtbare Anklage gegen die Menschheit.“
Else Lasker-Schüler fand weder Heimat noch Gelobtes Land, Zuflucht fand
sie im Dichten, im Malen, das ihr bescheidenen Lebensunterhalt bot. ,,So sucht
die abgestoßene Seele“, schreibt sie, ,,Heimat in der Schale ihrer
Illusion.“
Mut, 6/1995, S. 5.