GENOTYP

Die Zivilisation der Riesenstadt war völlig ausgelöscht worden. Überlebende fand man nicht mehr. Wie durch ein Wunder überlebten jedoch die Bilder von Arnold Povilionis. Der Maler hatte mit genialer Kraft und Intuition die Katastrophe vorausgesehen. Jedes seiner Bilder ergab eine Erinnerung, wie die Menschen hier lebten, fühlten und sich letzten Endes dreingaben in das Unvermeidliche.
Die Bilder waren alle gleich aufgebaut: Ein großes Quadrat, das grundiert war wie der Mond, aber farbig. Eine Mondlandschaft, in die mitunter Spuren erloschenen Lebens eingraviert waren: Ein Saurierfossil, verbogene Schrotteile, Brand- und Schleifspuren. In die Mitte oder auf Ecke war ein Rechteck aus Tuch, das ebenfalls bemalt war, appliziert. Es zeigte typische Lebenssituationen der hier einst lebenden Menschen: Menschen im Autobus, ein blauer Zweig, ein Frühstückstisch, Kinder... So konnte man sich ein Bild machen, wie das Leben hier einstmals ausgesehen hatte.
Man brachte die Feuerbilder, wie man sie nannte, wohlbehalten aus der Gefahrenzone heraus. Besonders dramatisch wirkten auch die großen Sozialstudien des Künstlers. Sein Bild „Frühstück“ zu dritt, das kurz vor der Katastrophe entstanden war, zeigte Menschen, die durchsichtig nur noch aus Form und Struktur bestanden, so wurde das Soziale psychodynamisch sichtbar. Vor dem Bild „Geradeaus“ bildeten sich Menschentrauben. Alle wollten den Schrecken sehen, der ins Gesicht der Frau geschrieben war, die den Betrachter anblickte. Ihre Verwirrung machte die Menschen, die sie sahen, fassungslos. Die männliche Figur in diesem Bild bemühte sich tatsächlich, schnurstracks „geradeaus“ zu gehen, womöglich um sich retten. Auch hier alles durchsichtig, als ob ein Röntgenblitz schlagartig alles durchleuchtet hätte. So muß es sich de facto auch abgespielt haben.
Der Maler selbst hat keine Aufzeichnungen hinterlassen. Den Genotyp dieser Zivilisation läßt jedoch eine Zeichnung ahnen, die ebenfalls erhalten blieb: Eine lockig, frohlockende Frau, mit kräftigen Beinen, erdstark und fröhlich.
Viele Besucher hatten psychoaktive Substanzen genommen, um bei der Betrachtung der Bilder die Katastrophe wieder aufleben zu lassen. Als jedoch eine Besucherin anfing zu schreien und trotz freundlicher Zuwendung der anderen Ausstellungsgäste kaum zu beruhigen war, bat man das Publikum, auf die psychoaktiven Licht- und Traumverstärker zu verzichten; denn selbst die nüchternste Phantasie konnte sich ausmalen, was hier geschehen war.
Und alle hatten das gleiche Gefühl, das einer wahren Halluzination gleichkam, als hörten sie von fern und aus der Tiefe das Grollen der Vernichtung

Thomas Illmaier

Thomas Illmaier: Die Steppe. Vogtsburg-Bischoffingen, 1999, S. 149-150.

Abbildung: Arnold Povilionis: Der Blaue Ast (1991). Privatbesitz.

GENOTYP (1)

Die Aussage eines berühmten Philosophen, der lehrte: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen“, hat mich nie wirklich befriedigt. Wie sollte Kommunikation denn über Jahrhunderte möglich sein, wenn nicht über Sprache? Das Bild aber lehrt mehr als das Wort, dessen Bedeutung vergänglich und wandelbar, ein Bild hingegen wirkt über Jahrtausende hinweg. Sein Genuß erfolgt schweigend, wissend, bejahend.
Dennoch hat eine jede Zeit ihre Grundaussage, und die Künstler beschreiben, wie Paris Gütersloh für sich und seine Generation feststellte, „unsere Zeit und was uns dabei auffiel.“ Ein Blick durch die Augen von Arnold Povilionis wird aber vergebens Zeit oder soziale Umstände sichtbar machen, jedenfalls nicht auf den ersten Blick. Was auffällt an seinen Bildern, ist ihre rigorose Sprachlosigkeit, weil sie in Extreme ausgreift und ausschwingt, die mit dem Verstand, der nach dem Nexus, der Beziehung zwischen den Extremen sucht, schlechterdings nicht mehr faßbar sind. „Strahlungszeit“ wäre das richtige Wort, das Ernst Jünger für unsere Zeit, das Atomzeitalter, prägte. Mit weitaufgerissenen Augen, so sollte man nach alter Zen-Lehre einmal täglich meditieren, die Bilder von Povilionis in den Blick genommen, verstärken diesen Aspekt noch mehr: Universum nexus Individuum. Verloren der Platz des Menschen im Kosmos seit dem Mittelalter, und keiner weiß mehr, was er hier sucht oder will! So finden wir uns in den Bildern von Arnold Povilionis wieder.
„Strahlungszeit“ - mit weit aufgerissenen Augen meditieren. Ist der Atompilz schön? Povilionis’ Bilder sind im Umkreis eines ans Netz angeschlossenen Atomkraftwerkes entstanden. Luftlinie bis zum Ort des möglichen GAUs circa fünf Kilometer. Strahlungszeit! Fürchten wir uns? Die Sprachlosigkeit der Bilder, die für sich stehen und trotz weit aufgerissener Augen schweigen.
Ist es nur Hochmut, einen Blick ins Universum zu tun mit seinen Milchstraßen und Galaxien und dabei lakonisch zu bemerken: Ein neues Fenster, bitte! Man schaue hinauf ins Empyreum und installiere dort ein Loch in Form eines Fensters. Die nächste Schöpfung bitte! Eine andere Welt? Ist die bestehende Welt verbraucht? Wird man sich dessen in der Nähe eines Atomkraftwerkes bewußt?
Schaut man zurück in die genetische Vergangenheit des Menschen, ist man vereint mit allem, was da kreucht und fleucht, und auch darüber hinaus bleibt ein Sandkorn ein Kristall, dessen Muster auch die Form unserer Existenz bestimmen, in der sich die ganze Schöpfung spiegelt. Der genetische Schlüssel zum Verständnis des Bildes von der Welt, in der ein Povilionis lebt und in der wir mit weit aufgerissenen Augen die Strahlungszeit seiner Bilder kontemplieren, liegt indes in unserem Bewußtsein und ist dort stets präsent: Unsere Intuition. Was hat demnach die Silhoutte eines Sauriers mit dem Blaubeerzweig zu tun? Was ist der Nexus. „Der blaue Zweig“, eines der Bilder des Künstlers aus den 90er Jahren unseres Jahrhunderts, zeigt diese genetische Erinnerung, wonach die einstmals Riesenechse sich erging im Blaubeerwald, worin sie sich als in ihrem Biotop wohlfühlte, wo wir uns auch wohlfühlen, und trotz des gewaltsamen Aussterbens der Echsen mit Riesenwuchs bleibt doch der Blaubeerzweig als Symbol einer stimmigen Schöpfung, die weiter auf uns wirkt. Trotz Blaubeerwälder sterben wir sicher aus, „der blaue Zweig“ wird bleiben: Eine genetische Erinnerung, zur Traube gesellt sich der Wein und der Mensch zu seinen Antipoden, die schön oder häßlich sind, aber den Rahmen ausmachen, in dem sich der Mensch gefällt. Und das verbindet uns mit dem Saurier im Blaubeerwald in seiner Zeit, die mit den nötigen Abänderungen auch unsere Zeit ist. Die Spur des Menschen wird einstmals genauso gefunden werden wie die Relikte und Fossilien tropischer Landstriche von ehedem urältester Zeiten. Nebenbei liegt das Atomkraftwerk inmitten des Elbstromtals, wo vor Jahrmillionen tropische Klimate herrschten. Echsen werden hier keine Seltenheit gewesen sein. Utopische, genetische Erinnerung, die kreucht und fleucht im Blaubeerwald.
Den Genpol unserer Zeit, dessen Erinnerung wir fürs Überleben im Atomzeitalter sicher aktivieren müssen, wollen wir nicht alle untergehen: Aus Angst vor der Masse der Probleme, deren Tiefe nicht selten den Tod bringt. Doch der Blaubeerzweig wird leben. Nicht ganz so anspruchsvoll ist er wie wir Menschen, deren Hochmut zu ihrem Fall beitrug - Fossil einer zukünftigen Zeit. Doch wird der Genotyp leben, eingraviert im Kosmos einer disparaten Zeit, Humus, worin sich die genetische Form noch abzeichnet, Folien für ein weites Welt- und Zeitgedächtnis.
Sind sie nicht vertraut, die Bilder des Litauers? Montiert er nicht das Altvertraute in die kosmische Urwirklichkeit? Ist der Kosmos - die kalte und heißte Welt der Sterne, des Lichts, der verbrannten und doch nicht ausgebrannten Erinnerung auch in der Strahlungszeit und ihrer möglichen Katastrophen, ist da nicht der Blick durchs Fenster in die Welt der Menschen tröstlich trotz ihrer Durchsichtigkeit? Wie begegnen sich Menschen im Blaubeerwald - als Fossilien womöglich. Wie begegnen sich Menschen in unserer Zeit, in der Strahlungszeit? „Flüchtige Begegnungen“ möchte ich die neue Serie im Anschluß an die Fensterbilder des Künstlers nennen. Durchsichtige Figuren, die nur durch ihren Platz und ihre Handlungen definiert sind. Schweigend knüpfen sie Struktur. Beim Frühstück zu dritt, nur Leib und Augen, Glasnost aufs Atomzeitalter hin. „Geradeaus“ ist Povilionis’ Meisterwerk aus dieser Zeit, schon wegen der schimmernden Plastizität seiner Figuren. Irritiert das Weib, aus der Bahn geworfen, erschreckt vom Betrachter, vom Künstler zitiert. Hochmut, und der Weg ist frei. Bleibt Hochmut nicht ein Element des Überlebens? Und gibt es nicht den hohen Mut, der die Persönlichkeit und ihren Lebensweg adelt? „Geradeaus“! Der Künstler läßt sich nicht schrecken. Er bleibt ein Chronist seiner Zeit. Und er mischt auf: Es scheint, die auf das wesentliche reduzierte Bezüglichkeit des Menschen in der Gemeinschaft, die Psychodynamik der Personen, eine Abstraktion der Unvergänglichkeit zu sein? So könnte es scheinen. Auch hier die genetische Erinnerung: Wir führen die Hand zum Mund, wenn wir essen. So mag die Struktur, das was zwischen den Menschen durch Bezüglichkeit passiert und erlebt wird, das eigentlich Unvergängliche sein, das sich immer wieder manifestiert, wenn die Bedingungen gegeben sind. Ein Saurier im Blaubeerwald, der fühlte sich so wohl wie wir, die wir die reifen Beeren betrachten.

Thomas Illmaier


 

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