Spuren
des frühen Christentums in Europa Es ist möglich, daß der christliche Glaube nach
Rom bereits um das Jahr 30 gekommen ist. Zu diesem Schluß kommt Carsten
Peter Thiede in seinem neuen Buch. Es ist nämlich möglich, daß
Besucher aus Rom, die Petrus‘ Pfingstpredigt in Jerusalem gehört
hatten, die Frohe Botschaft mit nach Hause, nach Rom, brachten. Die frühesten
christlichen Gottesdienste wie in Rom wurden nicht in Kirchen gefeiert. Sie
fanden in Privathäusern statt. Christliche Kirchen wurden insbesondere
in Konstantinischer Zeit des vierten Jahrhunderts vielfach über Privathäusern
gebaut, die den Christen lange Zeit als Zufluchtsort für ihre (geheimen)
Gottesdienste gedient hatten.
Der Weg nach Gallien
wurde vom Christentum schon in der Zeit der Urgemeinde beschritten. Mit Hinweis
auf 2. Timotheus 4,10, wonach der Paulus-Schüler Kreszens nach Galatien
geht, wird von der ,,Traduction Oecuménique de la Bible“ (TOR)
die Meinung vertreten, daß Galatien philologisch korrekt mit Gallien
wiederzugeben ist. Nachweislich ist eine große christliche Gemeinde
in Lyon schon vor 177 vertreten. Mit diesem Datum setzt eine Verfolgungs-,
Folterungs- und Ermordungswelle gegen die Christen von Vienne und Lyon ein.
England brachte im
Zuge der Ausgrabungen aus römischer Zeit viele Hinweise auf das frühe
Christentum ans Licht: etwa die Kirche von Silchester, die womöglich
die erste Kirche, die als solche konzipiert und gebaut wurde, nördlich
der Alpen darstellt. Die Ausgrabungen, 1961 freigelegt, wurden jedoch wieder
zugeschüttet. Dazu Thiede: ,,In einem unerforschlichen Ratschluß
war der Hampshire County Council zu der Erkenntnis gekommen, die Vermehrung
des Getreideüberschusses für wichtiger zu halten als die Bewahrung
eines einzigartigen römischen Stadtensembles.“
Was Thiede unmißverständlich
ins Bild rückt, ist die Bedeutung Jerusalems für die Christenheit.
Kaiser Konstantin, der erste christliche Kaiser des römischen Imperiums,
,,hatte erkannt, daß hier – nicht in Rom – die eigentliche
Hauptstadt des Christentums war.“ Er ließ drei große Kirchenbauten
im Heiligen Land ausführen: die Geburtskirche in Bethlehem, die Kirche
über dem leeren Grab (und Golgatha) und die Ölbergskirche, die sogenannte
Eleona. (Konstantin ließ auch in Rom drei Hauptkirchen bauen: die Lateransbasilika,
die Peterskirche und die Kirche des Heiligen Kreuzes, Santa Croce in Gerusalemme.)
Die Wurzeln des Christentums,
unter den Juden, unter den Heiden, zeigt die Stifterinschrift Petrus‘
des Illyrers in der Kirche Santa Sabina, Rom: links die Kirche aus dem Judentum
(= aus der Beschneidung, Ecclesia ex circumcisione), rechts die Kirche aus
dem Heidentum (Ecclesia ex gentibus). Diese aus dem Jahre 410 stammende Inschrift
beschreibt in goldenen Großbuchstaben (Majuskeln) auf blauem Grund „die
Errichtung der Kirche durch Petrus den Illyrer“. Er stammte vom Balkan,
aus Illyrien, dem Grenzland zwischen Ost und West. Die Darstellung der beiden
Kirchen, figuriert in zwei Frauengestalten, die ,,durch keinerlei klischeeartige
Kennzeichnungen voneinander zu unterscheiden sind“. Mit Recht weist
Thiede darauf hin, daß „die Vielfältigkeit des Christentums
als einer idealtypisch multikulturellen Gesellschaft“ gerade durch die
frühen Ausprägungen der christlichen Kunst unterstrichen wird. Thomas
Illmaier
Carsten Peter Thiede: Funde, Fakten, Fährtensuche. Spuren des frühen
Christentums in Europa. R. Brockhaus Verlag, Wuppertal 1992, 152 Seiten, 204
farbige Abbildungen, 39.80 DM).
RHEINISCHER MERKUR, 5. März 1993.