Entscheidend ist die Tat
Für Sie gelesen: Neuauflage der religions- und gesellschaftskritischen Schriften Leo Tolstois

Leo N. Tolstoi gilt als einer der grüßten Romanciers der Weltliteratur. Weniger bekannt als ,,Anna Karenina“, ,,Krieg und Frieden“, ,,Die Auferstehung“ sind Tolstois religions- und gesellschaftskritische Schriften. Die ,,Kritik der dogmatischen Theologie“, ,,Das Reich Gottes“ und andere theologische Werke, die Tolstoi schrieb, konnten wegen der Zensur in Rußland zu Lebzeiten des Dichters nicht erscheinen. Der Eugen Diederichs Verlag in Leipzig veröffentlichte zwischen 1901 und 1911 Tolstois theologische Schriften in deutscher Sprache. Heute legt der in München ansässige Verlag diese Schriften im Rahmen einer l4bändigen Neuausgabe vor.
Um sich ein Bild von Tolstois christlichem Glaubensverständnis zu machen, ist der Band ,,Mein Glaube“ eine gute Einführung. Tolstoi begann 1883 mit der Niederschrift. Die sich immer mehr verschlimmernden sozialen Verhältnisse in Rußland veranlaßten Tolstoi, der Lehre Christi auf den Grund zu gehen. Nicht der Glaube sei das Entscheidende im Leben eines Christen, sondern die Tat.
Tolstoi schrieb: ,,Die Lehre Christi erscheint der kirchlichen Auslegung zufolge den weltlichen wie den im Mönchsstand lebenden Menschen nicht als eine Lehre über das Leben, wie man dieses besser für sich und für andere einrichten solle, sondern für die weltlichen Menschen als eine Lehre über das, woran sie glauben sollen, um, selbst wenn sie schlecht leben, dennoch im zukünftigen Leben erlöst zu werden, und für die im Mönchsstand Lebenden, wie sie dieses Leben für sich noch schlechter machen sollen, als es ist.“
Abgesehen von der Polemik gegen den Mönchsstand kommt Tolstois Glaube, der durch die Tat bestätigt wird, hier am deutlichsten zum Vorschein. Wer arbeitet, dem wird gelohnt. Biblisch: ,,Der Arbeiter ist seines Lohnes wert“ (Matthäus 10,10). Tolstoi wagte sich nicht nur an die Auslegung der Bibel, sondern übersetzte das Neue Testament von Grund auf neu. Luthers Übersetzung, die Urtexte sowie Kommentare von Olshausen, Meyer und anderen, waren ihm damals eine Hilfe.
Tolstoi kommt zu dem Schluß, daß nicht die metaphysische Lehre vom Himmelreich das Entscheidende im Wirken Jesu sei, sondern sein Beispiel vom rechten Leben. Er faßt Christi Lehre in einem Beispiel zusammen: ,,Es kommen Leute auf einen Hof; sie finden auf diesem Hof alles, was sie zum Leben brauchen.., und fangen an, alles zu gebrauchen, was sie dort vorfinden, jeder aber nur für sich, nicht im geringsten darum besorgt, etwas für diejenigen, die jetzt mit ihm im Hause sind, oder für die, die nach ihm kommen, übrigzulassen. (. . .) Es kommt der Stärkste und entreißt alles den anderen; diesem wird wiederum von einem anderen alles fortgenommen und so fort.“
Schließlich geht alles zu Bruch. ,,Wieder richtet der Hausherr alles im Hofe derart her, daß die Leute ruhig auf ihm leben können.“ Aber das Spiel wiederholt sich bis zum Ruin. Der Hausherr hatte ihnen alles bereitgestellt. Es kam nur darauf an, daß sie fähig würden, ,,selbst ihr Glück zu gründen“. Mit dieser Aussage reiht sich Tolstoi ein in jene sozialrevolutionäre Tendenz, die in der russischen Revolution zum Tragen kam.
Für das Leben mit der Kirche hat das Konsequenzen. Eine Kirche, die im Bunde mit der weltlichen Obrigkeit Krieg, Folter und andere Formen der Unterdrückung menschlichen Glücks sanktioniert, ist auch für Tolstoi keine wahre Kirche. Aber eine Kirche, in der der einzelne durch seine Tat das Gute bezeugt, wodurch Wahrheit und Glückseligkeit sich hier auf Erden mehren, das sei die wahre Kirche, in der Gutes gedeiht.
Die auf 14 Bände angelegte Ausgabe der religions- und gesellschaftskritischen Schriften Tolstois umfassen seine Werke:

,,Meine Beichte“ (200 Seiten, 28 DM), ,,Mein Glaube“ (362 Seiten, 44 DM), ,,Was sollen wir denn tun?“ (zwei Bände, 622 Seiten, 78 DM), ,,Das Leben“ (283 Seiten, 40 DM), ,,Was ist Kunst?“ (326 Seiten, 44 DM); im April nächsten Jahres werden die ,,Pädagogischen Schriften“ (zwei Bände, 600 Seiten, 78 DM) aufgelegt; weiter sind geplant: ,,Das Reich Gottes“ (zwei Bände), ,,Dogmatische Theologie“ (zwei Bände), ,,Religiös-ethische Schriften“ und ,,Kritik der dogmatischen Theologie“.
Thomas Illmaier

RHEINISCHER MERKUR, 52/1993, S. 24


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