„Alle Künstler haben mit Schöpfung zu tun“
Friedhelm Mennekes, Jesuitenpater und Ausstellungsmacher
in St. Peter in Köln, im Gespräch mit Thomas Illmaier:
„Mir reicht ein kleiner Grenzverkehr zwischen Kunst und Kirche“

Pater Mennekes, Sie stellen in der Kunststation St. Peter, Köln, Werke hochkarätiger Künstler aus, zum Beispiel die „Kreuzigung“ von Alfred Hrdlicka, Werke von Eduardo Chilida, Jenny Holzer und anderen. Wie lernen Sie solche Künstler kennen?
Friedhelm Mennekes: Ich bewege mich schon lange in der Kunstszene – seit fünfzehn Jahren – und habe mich auch in den Zentren der Kunst umgetan, in Europa beispielsweise in Wien, London und Köln, und dann aber vor allen Dingen in Amerika, in New York. Hinzu kommen die ,,Subzentren“ München, Pans und Zürich. Ich selbst habe viele Ausstellungen gemacht – ich glaube, über dreihundert insgesamt – und alle diese Ausstellungen auch vorbereitet. Das Hauptmedium der Vorbereitung ist ein Interview; dazu muß man Kataloge studieren, möglichst etliche Bilder aufsuchen und sehen.
Auf diese Weise komme ich gleich publizierend ins Thema. Ich bin für die Künstler dabei ein doppelter Partner: Ich bin einer der Schreiberlinge und einer der Aussteller. Zudem bin ich in meiner geistlichen, geistigen Identität Priester, der ,,in Kunst macht“. Das alles ist die eine Quelle meiner Arbeit: meine Erfahrung. Die andere Quelle: Ich bin umgeben von hochqualifizierten Beratern. Ich habe einen Beirat, der mir sehr viel anträgt. Wir überlegen in diesem Beirat sehr genau, was wir auswählen und was nicht.
Wenn Sie Künstler wie Hrdlicka treffen, der ja als ein marxistisch orientierter Künstler gilt, ist es dann für Sie als Priester schwierig, mit ihm in Kontakt zu kommen? Liegen zwischen Priestertum heute und der zeitgenössischen Kunst nicht Welten?
Mennekes: Es liegen Welten dazwischen, aber das Gemeinsame überwiegt. Aber praktisch alle Künstler – oder sagen wir: 99 Prozent – sind der Kirche gegenüber ablehnend, sehr viele massiv, andere partiell. Es gibt keinen, der die Kirche, so wie sie ist, akzeptiert. Es gibt auch keinen, der das religiöse Milieu, so wie es sich heute zeigt, akzeptiert. Gleichwohl haben alle – aufgrund des historischen Zusammenhangs von Kunst, Kult und Religion – eine tiefe Einfühlung in die Religion. Aus ihr erwächst das Thema ,,Kunst in den Kirchen“, das Thema ,,christliche Motive in der Kunst“, das Thema ,,klassisches Altarbild“.
Bedeutet dies, daß Künstler religiöser sind als alle jene Menschen, die nicht bildende Kunst ausüben?
Mennekes: Ich glaube: Alle Künstler haben im Prinzip mit Schöpfung zu tun, wenigstens als Frage, als Möglichkeit, als Verdacht oder als romantische Idee. Damit haben sie die „Verlängerung“ oder das Mediale des Schöpfers oder des Schöpfenden in sich.
Als wir uns in der St. Peter-Kirche im geistlichen Raum trafen und die „Kreuzigung“ von Alfred Hrdlicka betrachteten, sprachen wir bereits über den Zusammenhang von Kunst und Religion. Aber das Religiöse gehe, wie Sie sagten, über die Kunst hinaus. Ist die Kunst für Sie als Priester eine Art Sprungbrett in Welten hinein, die noch darüberliegen?
Mennekes: Für mich gibt es zwei Weisen, in denen sich Menschen auf religiöse Weise beschäftigen. Die eine Urform von Religion ist die Pilgerschaft. Menschen versuchen, innere Not und Verspanntheit, loszuwerden, indem sie auf und ab gehen. Irgendwann machen sie sich auf den Weg irgendwohin, womöglich an heilige Orte. Andere Menschen fummeln: wenn ich beim Nachrichtenhören oder beim Telefonieren mir so meine Notizen mache. Ich lenke mich ab, indem ich fummele, oder ich knete mir irgend etwas. Das ist die Urform von Kunst: aus sich heraus nach Formen zu suchen. Insofern sind Religion und Kunst gleich ursprünglich Weisen der praktischen Sinnsuche des Menschen.
Ich gehe bei der Religion und bei der Kunst von religionssoziologischen Definitionen aus: Religion ist Selbsttranszendenz des Menschen. Das ist sehr wichtig zu sagen: Selbsttranszendenz. Religion ist zunächst Arbeit, Tätigkeit des Subjektes. Irgendwann kommen Offenbarungssysteme hinzu. Kunst ist ähnlich. Ich habe mehr und mehr entdeckt: Religion und Kunst sind erst Tat und dann erst Hören und Sehen und Erspüren und Meditieren. Religion ist erst Tat aus Verzweiflung und aus Druck. Und dies hat mich erkennen lassen, daß Religion zunächst etwas Kreatives ist.
Wenn ich diese Ursprünglichkeit in der Kunst sehe und auch religiöse Spuren in der Kunst suche, dann muß ich sagen: So viel an roher, ungekochter, wilder, transzendentaler Aktivität gibt es in der Religion nirgendwo. Dieses wirklich Getriebene, Greifende, Kreative ist in der Kunst viel bewegender. Deshalb sage ich: Zeitgenössische Kunst ist dreimal religiöser als alles religiös Verwaltete im Religionssystem der Kirchen.
Aber für den normalen Betrachter ist die Spanne zwischen einer Skulptur und dem Himmel doch sehr groß.
Mennekes: Sie ist sicherlich groß. Diese Art von Religion hat auch zunächst einmal nichts mit Gott und mit dem Himmel schon gar nichts zu tun. Sie ist wirklich nichts anderes als die Konstruktion eines Überbaus. Sie ist nur der Entwurf einer Welt, in die hinein ich mich entäußere und von der her ich mich zurückspiegele und meinen Ort in Zeit und Raum der Geschichte definiere. Das ist die Urfunktion und Urleistung von Religion wie aber auch von Kunst. Daß es dabei auch um visionär geschaute Tatbestände, um Realitäten geht, das ist sekundär. Das kommt erst später.
Sie holen zeitgenössische Kunst in Ihre Kirche, in die St. Peter-Kirche, Köln. Warum?
Mennekes: Weil in dieser zeitgenössischen Kunst stets ein Ringen um Form, ein Ringen und Entäußerung zum Ausdruck kommt und weil ich in diesen schöpferischen Prozessen religiöse Ausdrücke sehe.
Das sind ja rech tabstrakte Gedankengänge, Sind sie der Gemeinde zu vermitteln?
Mennekes: Mit der Zeit. Es ist oft so, dass ein Bild zwei bis drei Monate in der Kirche bleibt. Am Anfang befremdet es immer. Dann kommt eine Phase einer gewissen Eingewöhnung. Und daraus resultiert die Phase einer neuen Sicht, einer neuen Entdeckung, Kombination. Das ist das Tolle, dass die Menschen dann praktisch selbst in den abstraktesten und formfremdesten Kunstwerken auf einmal eine unglaubliche religiöse Strahl- und Bindekraft sehen.
So geht es sicherlich nicht allen Betrachtern. Ich habe ihren „Brief an einen besorgten Katholiken“ gelesen, der offenbar gar nicht damit einverstanden war, daß Sie solche Kunst präsentieren, zum Beispiel Hrdlickas ,,Kreuzigung“, Christus mit dem prunkenden Genital. Daß, meinte der Katholik, trage zur Verwirrung in der Kirche bei. Zöglinge des Priesterseminars in Salzburg hatten diese Skulptur sogar mit Exkrementen beschmiert. In ihrem Antwortbrief haben Sie entsprechend reagiert. Soll man Ihren „Brief an einen besorgten Katholiken“ ernst nehmen?
Mennekes: Ihm liegt ein ernster Vorfall zugrunde: Ein paar linke Österreicher, die irgendwann eine fromme Bekehrung hatten – Gott schütze uns vor heiligen Konvertiten –, spielten sich zu Sittenwächtern der Nation auf. Sie zeigten ein konservativ-zynisches Interesse an der Religion. Für sie soll Religion Sittenschule sein.
Sie schreiben in diesem Brief, daß Sie Umgang mit Künstlern vor allem „aus pastoralen Gründen“ pflegen.
Mennekes: Es ist immer ein Stück Wahrheit dabei. Natürlich missioniere ich keine Künstler. Ich suche Kontakt zu Künstlern, weil ich als Mensch sie brauche. Ich brauche die Kunst als religiöser Mensch zunächst nicht unbedingt; sondern ich brauche sie, weil ich mit der Religion, so wie sie überkommen ist, alleine nicht leben kann. Ich brauche die Kunst für mich als eine geistige Kraft. Aber weil ich sie so sehe und suche, spüre ich darin auch religiöse Dimensionen auf. Ich kann Ihnen ehrlich sagen: Ich halte keine Predigt, ohne daß ich in irgendeiner Weise au Beuys denke. Ich predige nie über Beuys, aber der Gedankengang, also das Eingehen auf Beuys, hat meine ganze Theologie verändert und meine ganze Christologie verändert. Ich wurde von der Kunst im Blick auf die Bibel und auf das, was ich in einer Gemeinde tue, vollends verändert. Ich wurde orthodox, ich wurde formbezogen, ich mache seitdem Liturgie, trage Farben, habe mich entwickelt von dieser verklemmten Kröte eines Geistlichen, des Nullachtfünfzehn-Typs eben, zu einem „entfalteten“ Priester – Schamanen ist zu viel gesagt, Guru auch. Jetzt bin ich Priester. Vorher hätte ich Ihnen das nie in dieser Deutlichkeit bekennen können: Ich bin Priester.
Wollen Sie Hrdlicka „heim ins Reich“ bringen?
Mennekes: Nein, um Gottes willen! Das darf man nie wollen, weil die Kirche nicht freiheitsfähig ist. Ich will keine Wiederversöhnung zwischen Kunst und Kirche. Ich will allenfalls einen kleinen Grenzverkehr. Doch ich will die Blöcke auseinander lassen. Ich will die Differenzierung. Ich will vor allen Dingen kein Totalsystem mehr. Die Zeit totalisierter Systeme und totalisierender Systeme ist vorbei, damit auch höchst problematische Ausdrücke wie etwa Ganzhingabe oder ähnliches. Man kann sich in der Welt der Moderne einer Sache nicht mehr ganz verschreiben. Man kann aus einer hohen Verantwortung dies und jenes, aber immer ein wenig gebrochen durch Fremdbezüge.
Sie sind Jesuitenpater. Ist die Kunst ein Mittel Ihrer Mission, der Jesuitenmission?
Mennekes: Ja, wenn Sie unter Mission nicht Zwangsbeglückung verstehen, sondern Kommunikation von verschiedenen Systemen und Kulturprägungen, also Transfer, Inkulturation: Ich gehe in eine andere Kultur hinein und kehre von dort wieder zurück. Das ist der Grundvorgang von Religion. Das heißt für mich Aufklärung hinüber und herüber. Diese Kirche muß missioniert werden. Sie muß missioniert werden – im Namen des Evangeliums. Sie muß missioniert werden, daß sie endlich Ihren konservativen Ballast abwirft. Die Kirche ist nicht das Vehikel bestimmter Menschen, die in einem Land etwas steuern wollen. In diesem Sinne denke ich Mission.
Ist das, was Sie tun mit und in der Kunst, christlich?
Mennekes: Es gibt natürlich ein paar unberufene Bürgerredner, die immer wieder meinen, ich würde da die Identität des Glaubens aufgeben. Da kann ich nur lachen. Wenn man genauer hinschaut, enthält die Bibel im Neuen Testament zwei große Impulse: Inkarnation und Todüberwindung beziehungsweise Auferstehung. Ich befasse mich mit genau diesen Themen. Die Kunst ist ebenfalls ein Urvorgang, eine Urgebärde: In ein Stück Materie kommt Geist, in ein Stück Wirklichkeit Aufklärung. Die Prinzipien der Kunst sind die Prinzipien des Geistes, die Prinzipien des Geistes sind auch Prinzipien der Religion.
Können Sie Ihre Arbeit mit Ihrer Identität als Jesuit vertreten?
Mennekes: Ich hoffe, sie ist etwas typisch Jesuitisches in diesem offenen Sinne. Wir nennen uns hier Kunststation, um nicht so einen ganz frommen Touch zu haben. Aber Kunststation, das klingt nach Missionsstation, und in irgendeiner Weise meinetwegen sind wir das. Wir sind ein kreatives Unternehmen irgendwo im Busch und versuchen Selbstbehauptung. Wir versuchen geistigen Transfer, mehr nicht.
Pater Mennekes, welcher Künstler liegt Ihnen am meisten am Herzen?
Mennekes: Das ist schwer zu sagen. Am Herzen liegt mir eigentlich immer der Künstler, den ich gerade ausstelle. Das ist sehr schwierig. Aber wenn ich darüber hinausgehe und frage, was habe ich für Wünsche, dann ist es sicher, daß ich den einen oder anderen sehe, zum Beispiel Anish Kapoor. Das ist ein Israeli, Inder, Hindu, jüdisch aufgewachsen, in London lebend, einer der ganz wichtigen, großen Bildhauer unserer Zeit. Aber den haben wir jetzt erst ganz frisch in den Blick genommen. Ich denke, in zwei, drei Jahren wird sich das realisieren lassen. Es ist sicher immer wichtig, daß man ganz junge Menschen entdeckt. Ja, ich habe einen Wunsch. So wie ich lange Jahre davon geträumt habe, ein Triptychon von Francis Bacon in der Kunststation St. Peter auszustellen, so hätte ich jetzt gern ein Triptychon von Max Beckmann, weil mir die Geschichte des Triptychons in diesem Jahrhundert tief am Herzen liegt. Es gibt ein solches Triptychon in München. Ich muß irgendwie auf die Gunst und auf den Augenblick warten, wo ich zuschlage. Vielleicht ist jetzt die Schließung der Neuen Pinakothek eine gute Gelegenheit, der Sache nachzugehen.

Bilder
1) Pater Mennekes im Gespräch mit Alfred Hrdlicka.
2-4) Altartriptychon „Triptych ’71“ von Francis Bacon.

Neues Deutschland, 7. Okt. 1994, S. 19.

 

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