Frauen sind nicht nur schön, wenn sie leiden
Der unbekannte Modigliani in der Sammlung von Paul Alexandre
wird in Deutschland nur bei Ludwig in Köln gezeigt
Amadeo Modigliani, wir kennen ihn meist nur von seinen schönen
Frauengestalten, in denen sich ideale Schönheit mit elementarster Form
vereint. Man denke an den berückenden „Liegenden Frauenakt auf
weißem Kissen“ in der Staatsgalerie Stuttgart. Der unbekannte
Modigliani, das ist die Sammlung Doktor Paul Alexandre, ein Gönner des
Malers, der einige seiner Gemälde kaufte. Sie bietet neben einigen Gemälden
400 Zeichnungen und Aquarelle des Künstlers aus der Zeit von 1907 bis
1914.
Die Kölner Präsentation
trägt lehrreichen Charakter. Ein Gemälde, zum Beispiel „Die
Amazone“ (1909), wird flankiert von Zeichnungen, die als Studien zur
„Amazone“ jeweils Aspekte des vollendeten Werkes zum Ausdruck
bringen. Der an die blühenden Frauenantlitze Modiglianis gewöhnte
Betrachter wird bestürzt sein über den an Edward Munch gemahnenden
„Nudo Dolente“ – den leidenden Akt, der bei Modigliani geradezu
klassisch wirkt.
Um sein hohes Formenideal
zu erreichen, schulte sich Modigliani an klassischer Schönheit –
griechischer Kunst, aber auch an klassischen Buddha-Antlitzen, wie sie Südostasien
aus dem 14. Jahrhundert kennt. Ursprünglich wollte er Bildhauer werden.
Doch die fortschreitende Tuberkulose verhinderte dies. Doch die charakteristischen
Aspekte seiner Skulpturen, Formenklarheit, Erfassen des Wesentlichen und expressive
Abstraktionsfähigkeit prägten den Stil seiner Malerei. Picasso fand:
„Modigliani hatte scharfe Augen, eine große Faszinationskraft,
und trotz seines ungeordneten Lebens inspirierte er das Leben der anderen.“
Thomas Illmaier
„Der unbekannte Modigliani“ – im Museum
Ludwig Köln, dienstags bis freitags von 10 bis 18 Uhr, an Wochenende
von 11 bis 18 Uhr.
Die Ausstellung dauert bis zum 10. Juli.
Junge Welt, 6. Mai 1994, S. 12.