Mit
den Augen des Schamanen
Ursprung und Herkunft der Rituale
von Thomas Illmaier
Der Ursprung der Rituale ist eng mit ihrer Bindung an Kunst
und Religion verknüpft. Kunst entsteht durch Fummeln, Religion und insbesondere
das Wallfahren an einen Ort, wo sich die Götter offenbaren, ebenfalls
durch Nervosität; denn entweder fummeln wir oder bewegen uns, wenn wir
nervös und rastlos sind. Pater Mennekes, selbst rastloser Jesuitenpater
und bekannter Kölner Ausstellungsmacher, hat zum Ursprung von beidem,
Kunst und Religion, Entscheidendes gesagt:
„Für mich
gibt es zwei Weisen, in denen sich Menschen auf religiöse Weise beschäftigen.
Die eine Urform von Religion ist die Pilgerschaft. Menschen versuchen, innere
Not und Verspanntheit loszuwerden, indem sie auf und ab gehen. Irgendwann
machen sie sich auf den Weg irgendwohin, womöglich an heilige Orte. Andere
Menschen fummeln: wenn ich beim Nachrichtenhören oder beim Telefonieren
mir so meine Notizen mache. Ich lenke mich ab, indem ich fummele, oder ich
knete mir irgend etwas. Das ist die Urform von Kunst: aus sich heraus nach
Formen zu suchen. Insofern sind Religion und Kunst gleichursprünglich
Weisen der praktischen Sinnsuche des Menschen.“
Ein junger Schamane
nimmt psychoaktive Pflanzen zu sich, nachdem er es zu Hause nicht mehr ausgehalten
hat, begibt er sich auf die Wanderschaft und entdeckt, irgendwo im Walddickicht,
in der menschenleeren Steppe, an einem Wasser, wo das Numen haust, den Ort
der Offenbarung, nimmt die Pilze, raucht den Hanf, kaut den Kaktus etc. Die
Visionen, die ihm die Pflanzen schenken, verwandeln den Ort ringsumgeben von
unberührter, möglicherweise noch nie von Menschen betretener Natur
in einen himmlischen Ort - das Paradies. Er hört die Götter raunen,
im Wind und in den Bäumen, die ihm in seine geschärften Sinne Wahrsprüche
einhauchen. Die Beziehungen im Universum, von einem Stern zum anderen, vom
Menschen und den Mondgezeiten, von der Magie, daß Götter den Mond
bewegen und das Geschick der Menschen lenken, all das wird ihm bewußt.
Norman Mailer, der Schamane unter den Poeten Amerikas, schrieb über den
Marihuanarausch:
„Grass bringt die Dinge zusammen. Eignet sich wunderbar dazu, neue Verbindungen
im Hirn zu entdecken. Einfach göttlich. Auf Grass denkt man assoziativ.
Man gelangt damit zu wirklich außerordentlichen Gedanken. Doch je gebildeter
jemand ist, umso mehr an Gedanken muß er hinterher auch zusammenbringen,
und das führt wieder zu einem unglaublich hohen Maß an Verbindungen,
die es im Universum zu entdecken gibt.“
Dieses Alles entdeckt also unser Schamane und berichtet davon seinen Stammesangehörigen,
aber sie können ihm nur bedingt und wahrscheinlich stumpfen Sinnes, wenn
auch mit Leidenschaft, folgen. Der Wunsch, die Offenbarung zu teilen und nicht
nur authentisch mitzuteilen, entsteht und damit die Idee, die geoffenbarte
Erfahrung zu wiederholen.
Lange Strecken des
Wanderns, um den heiligen Ort erneut zu besuchen, stimmen den Gläubigen
ein. Wallfahrten im christlichen Sinn haben eben den Sinn, den ekstatischen
Bewußtseinszustand erneut herbeizuführen. Lange Strecken rhythmischen
Wanderns und damit verbunden das monotone Hersagen von endlos wiederholten
Gebetsformeln können „über die dadurch induzierte Ausschüttung
von Endorphinen zu euphorischen Bewußtseinszuständen und analgetischen
(schmerzstillenden) Effekten führen“, berichtet Walter Andritzky
vom Institut für medizinische Psychologie an der Universität Düsseldorf.
Krankenheilungen an Wallfahrtsorten, sogenannte Blitz- oder Wunderheilungen,
kommen demnach tatsächlich vor. Pilger berichten von Schocks, Ohnmachten
und heftigen Schmerzen sowie Zittern oder von Heißhunger während
des Heilvorgangs. Dabei kommt es, soviel weiß die Medizin inzwischen,
zu blitzartiger Neubildung von Körpergewebe, und es verschwinden Körperstoffe
und -säfte (Blut-, Wasser-, Eiteransammlungen, Entzündungen). Selbstsuggestion
oder die theatralische Inszenierung eines Heilrituals tun das übrige.
Am Ort des Geschehen
angekommen wird die Erfahrung wiederholt: Der Schamane teilt die Sakramente,
die Pilze, den Hanf, die Kakteenscheiben aus und beginnt mit allen zusammen,
das Fleisch der Götter zu essen. Die Visionen stellen sich ein, der ekstatische
Tanz beginnt. Das Universum weitet sich, das Chaos der menschlichen Existenz
rundet sich und nimmt kosmische, d.h. geordnete Dimensionen an. Die menschliche
Befindlichkeit als Teil des Ganzen, seine Bezüglichkeit und sinnvolle
Aufgehobenheit im Universum, in dem der Sinn sich zum Einen (uni) ausfaltet
(versum), wird von jedem Gläubigen erfaßt, erlebt und als zutiefst
heilsam empfunden. Das ist der Ursprung der Rituale, die Wiederholung einer
ursprünglichen Sinnstiftung und Erfahrung des Göttlichen.
Woher kommen unsere
Rituale? Allen voran die christlichen. Daß Priester Frauenkleider tragen,
ist die uralte Tradition, daß das Göttliche mannweiblich ist, androgyn,
und der Priester hatte das zum Ausdruck zu bringen. Daß wir Brot und
Wein als den Leib und das Blut Christi zu uns nehmen, geht auf uralte Riten
zurück, die ursächlich etwas mit dem Leichenschmaus unserer entfernten
Vorfahren zu tun haben, die wir p mal Daumen etwa im 10. Jahrhundert vor Christus
ansiedeln - orientiert an den Funden in den Ofnethöhlen oder sonstigen
Kultstätten, in deren Opferschächten man zerstückelte Menschenopfer
fand, meist Frauen und Kinder, die rituell getötet und bis auf die Knochen
gegessen worden waren. Zudem war es üblich, bei Opferzeremonien, die
dem Flursegen, dem Regen, zur Vertreibung von Krankheiten dienten, Opfertiere
und Menschen, bevor man sie schlachtete, berauscht sein mußten. Sowohl
die Opferpriester als auch das Opfer selbst waren bis zum Rand mit psychoaktiven
Pflanzen berauscht, mitunter wohl auch regelrecht vergiftet worden. Neben
dem Hanf, dem Schlafmohn waren Bilsenkraut, Tollkirsche und Stechapfel die
unseren Vorfahren bekannten Opferkräuter, die den Rausch in ekstatische
Höhen führten und zum Zeitpunkt des Opferns selbst die Geopferten
schon ins Jenseits befördert hatten; denn Überdosierung - ausgenommen
von Hanf und den klassischen Halluzinogen wie Psilocybin-Pilzen oder meskalinhaltigen
Kakteen - führt bei den genannten Narkotika über Episoden halluzinatorischen
Erlebens zum Tod durch Atemlähmung. Narkotisiert spürt der Adept,
das Opfer, keinen Schmerz, doch wird, wie der Rausch der Tollkirsche beweist,
das Erlebte unter dem Einfluß des Rausches nicht eben angenehm gewesen
sein. Das Opfer selbst war durch genannten Medizinalpflanzen völlig wehrlos,
aber eine Psychobombe für diejenigen, die sich ans Essen ihres Fleisches
machten. Das Fleisch eines Berauschten zu essen, namentlich das Gehirn zu
löffeln, berauscht natürlich auch den Esser - deshalb wird der Leichenschmaus
ein wahres Fest gewesen sein.
Bei geöffneten
Augen unter Pilz- oder LSD Einfluß in den Himmel zu schauen, visioniert
der Berauschte ein Stürzen des Himmels in die Tiefe des Kosmos. Die Wolken
scheinen ins Zentrum des Himmels zu fliegen. Ein Sog ins entfernte Nichts,
aus dem sich wiederum die schönsten Bilder offenbaren. Der Basler Orientalist
Rudolf Gelpke schreibt in seinen „Fahrten in den Weltraum der Seele“:
„Aber was für
ein Himmel war das! Ich sah ihre (der Götter) Krönungshalle, und
darüber sah ich das Pendeln der Weltuhr von Tierzeichen zu Tierzeichen.
Auch sah ich die Wolken aufwärts in den aufgerissenen Abgrund des Himmels
stürzen und derart zu Pfeilern der Halle werden. Sie waren mit geschnitzten
Masken über und über behangen, und auch diese konnte ich in Ruhe
betrachten.“
Die Halle der Götter,
bei den Germanen Walhall, zu betreten, war denn auch das erklärte mythische
Ziel unserer Vorfahren. Man gelangte dorthin im Fluge oder in den Armen von
Walküren, Brunst- und Kriegsweibern, deren göttliche Kraft alles
Menschliche überwog und sicher von toxischen Eltern herstammt, deren
Rausch sich auf die Adepten übertrug und von Generation zu Generation
den Ursprung im Kosmos, die Heimat als Sinnbild von Geburt und Tod, im festen
Jahreszeitenrhythmus wiederholt erfahrbar machte. Darauf kommt es an. Der
Kosmos, seit Ewigkeiten selbst Tod und Geburt unterworfen, gibt nur die Folie,
auf deren Hintergrund sich das Menschenleben abspielt, das eine Wiederholung
im Kleinen als Abbild des Kosmos ist, der im Großen die Geheimnisse
des Menschen und seiner Existenz enthält.
Zschr. Hanf, 8/1999, S. 26-27.