Gleichnisse
des Seins
Schoofs Bilder sind einer Metropole der Unterwelt angemessen
Von unserem Mitarbeiter Thomas Illmaier
Abgrund. Theologischer Abyssus. Gleichnis, Siegel des Seins, in den Bildern von Schoofs. Für eine Kleinstadt wie Wuppertal eigentlich eine Nummer zu groß. Einer Metropole der Unterwelt gerade angemessen.
Die Bilder, die seit Sonntag in der Kunsthalle Barmen zu
sehen sind: Grau und Grau ins Weite. Welch eine Tristesse! „Kanalisation
und Galgen“ mit sehr viel Licht durchflutet: unheimliche Phantasmagorie,
doch weich, schmeichelt auch.
Aber die Bilder heißen
ganz anders: ,,Landschaft“ und viele Male ,,Piccadilly“. Da hat
einer jahrelang meditiert: Sog im Horror vacui (Schrecken der Leere) der Großstadt.
Con amore: Grau ist nicht nur eine Winterfarbe. Und Schwarz nicht nur die
Farbe, mit Anstand dem Tode zu begegnen. Weiß nicht nur die Farbe des
Lichts, das alleine kein Leben zu begründen vermag.
Nach dem Zusammenbruch
gingen Philosophen wie Hans Werthmüller daran, die Welt in ihren Grundlagen
neu zu konzipieren. ,,Der Weltprozeß und die Farben“ (1950). Werthmüllers
(fast) vergessenes Werk über den Grundriß eines integralen Analogiesystems
gibt den ach so tristessen Farben wie Grau, dem Schwarz, dem Weiß eine
ganz andere, aber grundlegende Bedeutung: Grau ist die Synthese des Gegensatzes
Schwarz/Weiß. Die Einheit schlechthin, daß Urgrau aus dem heraus
die Welt entsteht – das Grau, in das der Mensch am Ende seiner Tage
fast vergeht; denn er hat Hoffnung und Anspruch auf Wiedergeburt.
Rudolf Schoofs Bilder
sind zu Recht Gleichnisse des Seins, wie Franz Joseph van der Grinten postuliert.
Doch ist es schlichtweg unmöglich, aus dem Sein, wie es ein großer
Zeitgenosse sah, mehr herauszuholen, als in ihm angelegt ist. Daß Gottes
Schöpfung korrumpiert und von Anfang an ein Fehlschlag war, ist der Grundgedanke
der Skepsis. Daß ein Künstler also seine eigene Korrumpierung zelebriere
und es tatsächlich tut, gehört ergo zur skeptischen Konsequenz.
Daß Schoofs uns schmeichle, verdirbt uns nichts, und da er skeptisch
schmeichelt, verbirgt er nichts.
Im Anschluß
an Wuppertal ist die Ausstellung im Beuys-Museum Schloß Moyland zu sehen.
Ausstellung des Kunst- und Museumsvereins, Kunsthalle Barmen: di., so. 10-17,
do. 10-21 Uhr. Bis 8. Juni.
Bild: Franz Joseph van der Grinten (r.), Direktor des Museums Schloß Moyland, hielt am Sonntag die Einführung zu der Ausstellung mit Werken Rudolf Schoofs (l.).
Westdeutsche Zeitung / Generalanzeiger, 4. April 1992, S. 8.