SCHOPENHAUER
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Ahnherr des Buddhismus in Deutschland
Schopenhauer besaß eine Buddhastatue in seiner Wohnung,
die aber kaum jemand sah. Der Philosoph lebte zurückgezogen, teils gegen
seinen Willen. Die Welt nahm keine Notiz von ihm. Sein Hauptwerk ,,Die Welt
als Wille und Vorstellung“ wurde kaum verkauft und die Restauflage vom
Brockhaus Verlag eingestampft.
Arthur Schopenhauer
(1788-1860) war der erste moderne Philosoph, der seine Lehre auf fernöstliche
Philosophien aufbaute. Nach Schopenhauer ist es der Wille, der Leiden schafft:
Wo gewollt wird, wird auch gelitten. Die Welt ist ein Willensphänomen.
Die Welt, so wie wir sie wahrnehmen, ist eine Vergegenständlichung des
Willens. Vergegenständlichung, so nennt es sein Zeitgenosse, der Philosoph
Ludwig Feuerbach, wird bei Schopenhauer sehr viel genauer gefaßt, nämlich
als Projektion. Schopenhauer ist der erste Philosoph der Neuzeit, der das
Wort Projektion und projizieren überhaupt ausspricht. Von daher erklärt
sich schon seine Wirkung auf die moderne Psychologie, namentlich die Psychoanalyse.
Die Welt ist unsere Vorstellung, eine Projektion. Die Welt ist, so Schopenhauer
wörtlich, ein Gehirnphänomen.
Schopenhauer war,
was die Aufhebung des Leidens der Kreatur an ihrer selbstgeschaffenen Welt
betrifft, mindestens so radikal wie der Buddha. Liest man die ,,12 Glieder
des abhängigen Entstehens“ (Reden des Buddha, Reclam Verlag) rückwärts,
so trifft man den Kern der Schopenhauerschen Philosophie: ,,Was nach gänzlicher
Aufhebung des Willens übrig bleibt, ist für alle die, welche noch
des Willens voll sind, allerdings Nichts. Aber auch umgekehrt ist denen, in
welchen der Wille sich gewendet und verneint hat, diese unsere so sehr reale
Welt mit allen ihren Sonnen und Milchstraßen – Nichts.“
Dieses Nichts ist
keine Vorstellung, also nicht etwas, worauf der Nihilismus rekurrieren (setzen)
könnte. Es ist die buddhistische, fernöstliche Sunyata, die Leere
(Emptiness).
Schopenhauers Philosophie wirkte stark auf Nietzsche, Wagner, Sigmund Freud
und auf die Dichtung von Thomas Mann. Schopenhauer war (und ist) ein hochkarätiger
Stilist. Seine Kritiken und Verven gegen die menschliche Unwissenheit gehören
noch heute zum Besten, was die Weltliteratur, und namentlich die deutsche,
zu bieten hat.
(Zum Kennenlernen
sei die Taschenbuchausgabe der Werke Schopenhauers empfohlen, die im Haffmans
Verlag erschienen ist. Sie enthält auch den Aufsatz ,,Über das Sehn
und die Farben“.)
Thomas Illmaier
Esoterik und Wissenschaft, Jan.-April 1994, S. 44.