Aus der Feuerwelt
,,Ursula“ im Von der Heydt-Museum Wuppertal
,,Steht man hinter den Portieren, wird man selbst zum aufgehängten
Fell oder fuchsbaumelnden Gespenst.“ So spricht Frau Ursula, die 1950
als Autodidaktin zu malen begann – in einer Art und Weise, daß
Jean Dubuffet sie im gleichen Jahr für sein ,,L‘art brut“
Museum entdeckte. Pelze, Zöpfe, Rasierklingen, Haar und Federn sind unter
anderem die Materialien der Objekte aus der Feuerwelt, die derzeitig im Von
der Heydt-Museum Wuppertal zu sehen sind. Was immer man aus Dantes Höllen,
Boschs Apocalyptica oder psychedelischen Horrortrips in der Erinnerung zusammenbringt,
wird hier präsentiert: eine Reise durch die Welt der Verdammten, der
auferstandenen Seelen, die sich ihrer Erfahrung nicht schämen. Denn sie
haben es gut. Frau Ursula läßt sie alle in künstlerisch perfekter
Welt leben: ihre Schründe, Narben und Verletzungen sind einzig Spuren
in ein Paradies. Selbst Montezumas Familie, noch vom Blut des letzten Menschenopfers
triefend, reiht sich ein in den Reigen, der durch den Himmel führt, blitzend
in allen Glanzlichtern, die ihnen die Künstlerin aufsteckt. Die Seelen,
egal was sie auf dem Kerbholz haben, hier sind sie vereint in Fröhlichkeit
und alle ihre Sünden genießend. Frau Ursula stellt uns ,,versteckte
Fallen in blühender Szenerie, die Alpträume sind Feen, die Hexen
haben unschuldige Augen, die Bestien präsentieren sich in gleicher Eleganz
wie die Schönen“ (Lothar Romain). Sie sind tatsächlich schön.
Was Frau Ursula uns hier bietet, ist faszinierend und entpuppt sich als reine
Eitelkeit: Wer möchte nicht ein einziges Mal mit seinen eigenen Sünden
tanzen?
Thomas Illmaier
„Ursula“ (Schulze-Bluhm) im Von der Heydt-Museum Wuppertal bis 1.11. Katalog mit 120 Werken in Farbe und Textbeiträgen u.a. von Sabine Fehlemann, Ursula Schulze-Bluhm, Lothar Romain. Preis 45 DM. Die Ausstellung ,,Ursula“ wird anschließend in Köln, dann in Bremen gezeigt.
Taz, 19.10.1992.