Hans H. SchulteIn den Wahn geführt
Sektenführer verwenden Psychotechniken,
um ihre Ziele auf die Anhänger zu übertragen.


Der anhaltende Ausverkauf des Glaubens verwischt einst klare Grenzen. Religiosität ist zwar in. Doch im Trend ist die Religion nach dem eigenen Geschmack, die ,,Patchwork-Religion“. ,,Es ist durchaus möglich“, schreibt Rüdiger Hauth, ,,dass sich jemand am Sonntagmorgen (wenn auch nur nebenbei) im Radio eine christliche Predigt anhört, dann in einer Illustrierten intensiv sein Horoskop studiert, am Nachmittag eine Schrift von Rudolf Steiner (Anthroposophie) liest und abends bei einem indischen Guru oder tibetischen Lama an Meditationsübungen teilnimmt.“ Von allem etwas, nur nicht von einem alles. Entsprechend blüht das Geschäft der Verführer.
Die Orientierungslosigkeit und Unentschiedenheit der ,,Weltanschauungs-Surfer“ kommt esoterischen Zirkeln und modernen Psychosekten aller Art zugute. Um „Bekehrungen“ zu erwirken und Anhänger zu gewinnen, bedienen sie sich Trance- und Bewusstseinstechniken. Ziel ist es, den Adepten in eine willenlose Marionette zu verwandeln. Einmal gefügig gemacht, wird die betreffende Person sich auch für die möglicherweise kriminellen Ziele einer Sekte missbrauchen lassen.
Der Begriff der Massenhypnose ist seit der Zeit des Nationalsozialismus und seiner bewusstseinsgeschichtlichen Aufarbeitung allgemein bekannt. Doch die heutigen Massen sind dafür nicht weniger empfänglich als ehedem.
Hitler hypnotisierte seine Zuhörer regelrecht. Geschickt kaschierte er seine verbrecherischen Ziele. Das kritische Bewusstsein wich. Seine Attacken, Ausfälle und Beschwörungen wurden bejubelt. Von Lenin wird gesagt, er habe die Fähigkeit besessen, die Menschen so suggestiv zu behandeln, dass es ihnen fortan unmöglich wurde, so weiterzuleben wie bisher. In dieser seiner Fähigkeit wird Lenin als Muster eines Revolutionärs beschrieben.
Wer einem buddhistischen, in modernen Trancetechniken geschulten Yogi jemals länger als eine Stunde zugehört hat, weiß, welche suggestive Kraft von ihm ausgeht. Er redet als würde er träumen. Die Offenheit und Hingabe der Zuhörer lässt den Samen der Rede im Unterbewusstsein aufgehen. Der Hörer gerät in einen tranceartigen Zustand. Die Individualität des Einzelnen geht auf in der Masse. Der Boden zur Sekte ist damit gelegt.
Ob sich ein geschulter Buddhist mit seinem Anspruch auf Humanität und geistige Befreiung, Frieden und Sinnstiftung vor ein Publikum interessierter Zuhörer stellt und spricht, oder ob es ein Adolf Hitler tut – die Techniken, die dabei eingesetzt werden, sind sich ähnlich. Die menschliche Sehnsucht nach Gott und einem sinnvollen Leben kann erbarmungslos missbraucht werden. Deshalb ist es unabdingbar, die Motive und Ziele von Führerpersönlichkeiten zu kennen.
Mystisches Versenken und Meditation reduzieren den eigenen Willen und die Persönlichkeit. Eine ganz ähnliche Auswirkung hat der Konsum von Psychedelika oder Halluzinogenen wie LSD oder Ecstasy. Die Mayas opferten im Meskalinrausch Menschen.
Ähnlich wie LSD, Meskalin oder Psilocybin„öko“pilze“ (wie man die in Europa wachsenden halluzinogenen Pilze seit kurzem auch nennt) wirken auch bewusstseinsverändernde Techniken wie das Hyperventilieren. Das sogenannte „Holotrope Atmen“ von Stanislav Grof als Alternative zur psychedelischen Therapie entwickelt, die das später verbotene LSD als ,,Hilfsmittel“ verwendete.
Holotropes Atmen ist das nach Trommeln und Gesang eines Schamanen oder Therapeuten schnelle und tiefe Inhalieren des Atems. Es führt vorübergehend in visionäre Zustände, die in der Tiefenpsychologie als unbewusstes Bildmaterial bezeichnet und für die Therapie benutzt werden. Durch Medikamente oder holotropes Atmen veränderte Bewusstseinszustände öffnen sich Tür und Tor für Missbrauch und Manipulation. Integriert in einer heidnisch-religiösen Kultur wie beispielsweise der griechischen, führten solche Techniken zu Bewusstseinszuständen, in denen die Götter beschworen wurden. So zum Beispiel in den berühmten Eleusinischen Mysterien. In den damit verbundenen heidnischen Ritualen kam es ebenfalls zu Menschenopfern mit dem Ziel, die Götter günstig zu stimmen.
Eine besondere Art eines modernen, gemeinschaftsfördernden Rituals wächst rund um die Einnahme der psychoaktiven Labor-Droge Ecstasy. In Europa sind es rund 10 Prozent der jungen Bevölkerung, die Erfahrung mit Ecstasy haben sollen. Rita Süssmuth, die deutsche Bundestagspräsidentin, erwähnte in einem Interview die Ergebnisse einer Umfrage unter Jugendlichen bezüglich des Ecstasy-Konsums. Die Jugendlichen hätten erklärt, dass unter dem Einfluss dieser bereits 1913 von der deutschen Arzneimittelfirma Merck als ,,Appetitzügler“ synthetisierten und patentierten Substanz ,,das Verständnis für die Umwelt und die eigene Person wachse...“ Ecstasy sei ,,deswegen in besonderem Masse auch ein Mittel gegen Vereinsamung und seelische Überforderung in einer immer weiter auseinanderdriftenden Welt“. Jugendliche fühlten sich durch Ecstasy – der pharmazeutische Name ist MDMA – den Herausforderungen des Lebens besser gewachsen, es entstehe ein „drogeninduziertes Wir-Gefühl“.
Tatsächlich bilden die Ecstasy-Konsumenten eine Art Sekte. Ihr großes Massentreffen feiern sie alljährlich bei der „Love Parade“ in Berlin oder in anderen europäischen Städten. Verbindende Kennzeichen sind die gemachten Erfahrungen mit den Psychostimulanzien und die Erfahrung der Ekstase beim stundenlangen rhythmischen Tanzen, Lightshows und ohrenbetäubender Musik. Ecstasy lockert die Reizschwelle, die sonst die Grenze setzte, hinter der Musik als Lärm empfunden wird.
Die Tänzer nehmen in ihrem veränderten Bewusstseinszustand den Rhythmus der Technomusik voll in sich auf. Schließlich geht der Tanzende auf im Rhythmus und wird vom Computer-Trommeln gelenkt. Die Psychodroge unterdrückt und manipuliert Wahrnehmungen und Körpersignale wie Müdigkeit, Durst oder Hitze.
Viele Psychotechniken, die das Bewusstsein verändern, kommen aus Asien. Die indo-tibetische Geschichte des Buddhismus kennt Beispiele von Yogis, die sich einmauern liessen, um auf diese Weise den Geist aus den Fesseln der bedingten Existenz zu befreien versuchen. Jeder andere würde unter solchen Umständen wahnsinnig werden. Genau das geschah in den Nazi-Kerkern bei verhängter Dunkelhaft, womöglich noch unter völliger Ausschaltung von akustischen Außenreizen. In der Dunkelhaft in Auschwitz, die in ihrer barbarischsten Form in Stehzellen durchgeführt wurde, brachen viele der Gefolterten körperlich und seelisch vollständig zusammen und starben qualvoll.
Schlafentzug und permanente Übermüdung erlauben Gehirnwäsche jeder Art. Die kommunistischen Schauprozesse gegen die stalinistische Opposition führten völlig demoralisierte, willenlose Menschen vor, die gestanden, was sie gar nie getan hatten.
Durch Schlafentzug entsteht eine Psychose, die bis zum Tod führen kann. Zuerst kommt es zur De-Realisation: Die Umwelt wird wie durch Dampfschwaden wahrgenommen; die Steigerung ist die De-Personalisation: Die Persönlichkeit löst sich auf; der Rest ist Halluzination, am Ende der Kette steht der Tod.
Schlafentzug ist eines der gefährlichsten Instrumente, um Menschen zu manipulieren. Marathon-Meditationen bedienen sich dieser Technik. Sie erzeugen bei den Teilnehmern Wahnstimmungen, die, wenn sie geschickt gelenkt werden, in der Übertragung der eigenen Persönlichkeit auf den Führer enden. Schließlich trägt der so Eingeweihte Bilder des Gurus als devotionale Kultobjekte oder als Talisman gegen böse Mächte offen oder unter den Kleidern versteckt mit sich.
Dieter Sträuli, Carola Fischer und Adolf Dittrich (Universität Zürich) haben diese Zusammenhänge genauer untersucht. Durch Schlafentzug entstehen sowohl Depressionen als auch Euphorie. Ein Anführer mit wahnhaften Vorstellungen kann eine ganze Gruppe mit in den Tod reißen. Dafür gibt es keine rationale Erklärung. Selbstmord und Selbstverstümmelung werden als rituelles, religiöses Geschehen verstanden, ohne dass die Verführten den Wahnwitz durchschauen. Sie erleben den Wahn als Realität und vermögen sich nicht aus eigener Kraft davon zu lösen.
Massenselbstmorden, wie sie in jüngster Zeit als Sektenwahn durch die Medien gingen, geht eine lange Indoktrination voraus. Zuerst wird die Gruppe isoliert: Retreats auf dem Lande. Die Kommunikation zwischen Innen- und Außenwelt entfällt oder wird herabgemindert. Die Überzeugtheit des Anführers, der sich wie einst Franklin Rutherford, Führer der Zeugen Jehovas, für gottähnlich hält, vereint sich mit einer Endzeitmythologie, nach der das große Gericht unmittelbar bevorsteht. Die Bindungen an alles „Irdische“ werden gelockert. Der eigene Körper, Träger des Lebens, wird systematisch abgewertet zu einer minderwertigen Hülle. Der Tod wird als Reise oder Übergang verbrämt. Der Sektenführer verkündet die Aufhebung der menschlichen Gesetze und Verträge – womöglich zerreißt er sie vor den Augen der Verschwörer, wie Hitler damals den Versailler Vertrag öffentlich zerriss. Paranoia wird geschürt, indem Gerüchte über Verfolger ausgestreut werden. Gegebenenfalls werden die Mitglieder bewaffnet – bei terroristischen Vereinigungen besonders wichtig – und zur Destruktion an Menschen aufgefordert.
Der im teuflischen Wahn agierende Anführer erlebt einen paranoiden Schub, eine Idee aus der Finsternis. Ihr Auslöser ist verborgen, kann aber apokalyptische Dimensionen annehmen. Weil er den finsteren Botschaften vertraut, seine Anhänger damit indoktriniert und darin einbindet, folgen sie ihm – manchmal bis in den Tod.
Die Ergebenheit gegenüber dem Führer, der bedingungslose Gehorsam und andere Phänomene, studierte Dieter Sträuli am Beispiel der Nazis. Er bezeichnete die Nationalsozialisten als das „Paradigma einer Psychosekte“.
Sekten verwenden Psychotechniken, um ihre Ziele zu erreichen. Eine Sekte verzerrt die Wirklichkeit, meint aber, die ganze Wahrheit zu kennen. Halbwahrheiten und dämonisch inspirierte Heilslehren werden als göttliche Offenbarung verkündigt und geglaubt. Manipulierte werden zu Manipulatoren.
THOMAS ILLMAIER

Factum (CH), 9/1997, S. 16-19.

 

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