In
den Wahn geführt
Sektenführer verwenden Psychotechniken,
um ihre Ziele auf die Anhänger zu übertragen.
Der anhaltende Ausverkauf des Glaubens verwischt einst klare Grenzen. Religiosität
ist zwar in. Doch im Trend ist die Religion nach dem eigenen Geschmack, die
,,Patchwork-Religion“. ,,Es ist durchaus möglich“, schreibt
Rüdiger Hauth, ,,dass sich jemand am Sonntagmorgen (wenn auch nur nebenbei)
im Radio eine christliche Predigt anhört, dann in einer Illustrierten
intensiv sein Horoskop studiert, am Nachmittag eine Schrift von Rudolf Steiner
(Anthroposophie) liest und abends bei einem indischen Guru oder tibetischen
Lama an Meditationsübungen teilnimmt.“ Von allem etwas, nur nicht
von einem alles. Entsprechend blüht das Geschäft der Verführer.
Die Orientierungslosigkeit
und Unentschiedenheit der ,,Weltanschauungs-Surfer“ kommt esoterischen
Zirkeln und modernen Psychosekten aller Art zugute. Um „Bekehrungen“
zu erwirken und Anhänger zu gewinnen, bedienen sie sich Trance- und Bewusstseinstechniken.
Ziel ist es, den Adepten in eine willenlose Marionette zu verwandeln. Einmal
gefügig gemacht, wird die betreffende Person sich auch für die möglicherweise
kriminellen Ziele einer Sekte missbrauchen lassen.
Der Begriff der Massenhypnose
ist seit der Zeit des Nationalsozialismus und seiner bewusstseinsgeschichtlichen
Aufarbeitung allgemein bekannt. Doch die heutigen Massen sind dafür nicht
weniger empfänglich als ehedem.
Hitler hypnotisierte
seine Zuhörer regelrecht. Geschickt kaschierte er seine verbrecherischen
Ziele. Das kritische Bewusstsein wich. Seine Attacken, Ausfälle und Beschwörungen
wurden bejubelt. Von Lenin wird gesagt, er habe die Fähigkeit besessen,
die Menschen so suggestiv zu behandeln, dass es ihnen fortan unmöglich
wurde, so weiterzuleben wie bisher. In dieser seiner Fähigkeit wird Lenin
als Muster eines Revolutionärs beschrieben.
Wer einem buddhistischen,
in modernen Trancetechniken geschulten Yogi jemals länger als eine Stunde
zugehört hat, weiß, welche suggestive Kraft von ihm ausgeht. Er
redet als würde er träumen. Die Offenheit und Hingabe der Zuhörer
lässt den Samen der Rede im Unterbewusstsein aufgehen. Der Hörer
gerät in einen tranceartigen Zustand. Die Individualität des Einzelnen
geht auf in der Masse. Der Boden zur Sekte ist damit gelegt.
Ob sich ein geschulter Buddhist mit seinem Anspruch auf Humanität und
geistige Befreiung, Frieden und Sinnstiftung vor ein Publikum interessierter
Zuhörer stellt und spricht, oder ob es ein Adolf Hitler tut – die
Techniken, die dabei eingesetzt werden, sind sich ähnlich. Die menschliche
Sehnsucht nach Gott und einem sinnvollen Leben kann erbarmungslos missbraucht
werden. Deshalb ist es unabdingbar, die Motive und Ziele von Führerpersönlichkeiten
zu kennen.
Mystisches Versenken
und Meditation reduzieren den eigenen Willen und die Persönlichkeit.
Eine ganz ähnliche Auswirkung hat der Konsum von Psychedelika oder Halluzinogenen
wie LSD oder Ecstasy. Die Mayas opferten im Meskalinrausch Menschen.
Ähnlich wie LSD, Meskalin oder Psilocybin„öko“pilze“
(wie man die in Europa wachsenden halluzinogenen Pilze seit kurzem auch nennt)
wirken auch bewusstseinsverändernde Techniken wie das Hyperventilieren.
Das sogenannte „Holotrope Atmen“ von Stanislav Grof als Alternative
zur psychedelischen Therapie entwickelt, die das später verbotene LSD
als ,,Hilfsmittel“ verwendete.
Holotropes Atmen
ist das nach Trommeln und Gesang eines Schamanen oder Therapeuten schnelle
und tiefe Inhalieren des Atems. Es führt vorübergehend in visionäre
Zustände, die in der Tiefenpsychologie als unbewusstes Bildmaterial bezeichnet
und für die Therapie benutzt werden. Durch Medikamente oder holotropes
Atmen veränderte Bewusstseinszustände öffnen sich Tür
und Tor für Missbrauch und Manipulation. Integriert in einer heidnisch-religiösen
Kultur wie beispielsweise der griechischen, führten solche Techniken
zu Bewusstseinszuständen, in denen die Götter beschworen wurden.
So zum Beispiel in den berühmten Eleusinischen Mysterien. In den damit
verbundenen heidnischen Ritualen kam es ebenfalls zu Menschenopfern mit dem
Ziel, die Götter günstig zu stimmen.
Eine besondere Art eines modernen, gemeinschaftsfördernden Rituals wächst
rund um die Einnahme der psychoaktiven Labor-Droge Ecstasy. In Europa sind
es rund 10 Prozent der jungen Bevölkerung, die Erfahrung mit Ecstasy
haben sollen. Rita Süssmuth, die deutsche Bundestagspräsidentin,
erwähnte in einem Interview die Ergebnisse einer Umfrage unter Jugendlichen
bezüglich des Ecstasy-Konsums. Die Jugendlichen hätten erklärt,
dass unter dem Einfluss dieser bereits 1913 von der deutschen Arzneimittelfirma
Merck als ,,Appetitzügler“ synthetisierten und patentierten Substanz
,,das Verständnis für die Umwelt und die eigene Person wachse...“
Ecstasy sei ,,deswegen in besonderem Masse auch ein Mittel gegen Vereinsamung
und seelische Überforderung in einer immer weiter auseinanderdriftenden
Welt“. Jugendliche fühlten sich durch Ecstasy – der pharmazeutische
Name ist MDMA – den Herausforderungen des Lebens besser gewachsen, es
entstehe ein „drogeninduziertes Wir-Gefühl“.
Tatsächlich
bilden die Ecstasy-Konsumenten eine Art Sekte. Ihr großes Massentreffen
feiern sie alljährlich bei der „Love Parade“ in Berlin oder
in anderen europäischen Städten. Verbindende Kennzeichen sind die
gemachten Erfahrungen mit den Psychostimulanzien und die Erfahrung der Ekstase
beim stundenlangen rhythmischen Tanzen, Lightshows und ohrenbetäubender
Musik. Ecstasy lockert die Reizschwelle, die sonst die Grenze setzte, hinter
der Musik als Lärm empfunden wird.
Die Tänzer nehmen
in ihrem veränderten Bewusstseinszustand den Rhythmus der Technomusik
voll in sich auf. Schließlich geht der Tanzende auf im Rhythmus und
wird vom Computer-Trommeln gelenkt. Die Psychodroge unterdrückt und manipuliert
Wahrnehmungen und Körpersignale wie Müdigkeit, Durst oder Hitze.
Viele Psychotechniken,
die das Bewusstsein verändern, kommen aus Asien. Die indo-tibetische
Geschichte des Buddhismus kennt Beispiele von Yogis, die sich einmauern liessen,
um auf diese Weise den Geist aus den Fesseln der bedingten Existenz zu befreien
versuchen. Jeder andere würde unter solchen Umständen wahnsinnig
werden. Genau das geschah in den Nazi-Kerkern bei verhängter Dunkelhaft,
womöglich noch unter völliger Ausschaltung von akustischen Außenreizen.
In der Dunkelhaft in Auschwitz, die in ihrer barbarischsten Form in Stehzellen
durchgeführt wurde, brachen viele der Gefolterten körperlich und
seelisch vollständig zusammen und starben qualvoll.
Schlafentzug und
permanente Übermüdung erlauben Gehirnwäsche jeder Art. Die
kommunistischen Schauprozesse gegen die stalinistische Opposition führten
völlig demoralisierte, willenlose Menschen vor, die gestanden, was sie
gar nie getan hatten.
Durch Schlafentzug entsteht eine Psychose, die bis zum Tod führen kann.
Zuerst kommt es zur De-Realisation: Die Umwelt wird wie durch Dampfschwaden
wahrgenommen; die Steigerung ist die De-Personalisation: Die Persönlichkeit
löst sich auf; der Rest ist Halluzination, am Ende der Kette steht der
Tod.
Schlafentzug ist
eines der gefährlichsten Instrumente, um Menschen zu manipulieren. Marathon-Meditationen
bedienen sich dieser Technik. Sie erzeugen bei den Teilnehmern Wahnstimmungen,
die, wenn sie geschickt gelenkt werden, in der Übertragung der eigenen
Persönlichkeit auf den Führer enden. Schließlich trägt
der so Eingeweihte Bilder des Gurus als devotionale Kultobjekte oder als Talisman
gegen böse Mächte offen oder unter den Kleidern versteckt mit sich.
Dieter Sträuli,
Carola Fischer und Adolf Dittrich (Universität Zürich) haben diese
Zusammenhänge genauer untersucht. Durch Schlafentzug entstehen sowohl
Depressionen als auch Euphorie. Ein Anführer mit wahnhaften Vorstellungen
kann eine ganze Gruppe mit in den Tod reißen. Dafür gibt es keine
rationale Erklärung. Selbstmord und Selbstverstümmelung werden als
rituelles, religiöses Geschehen verstanden, ohne dass die Verführten
den Wahnwitz durchschauen. Sie erleben den Wahn als Realität und vermögen
sich nicht aus eigener Kraft davon zu lösen.
Massenselbstmorden,
wie sie in jüngster Zeit als Sektenwahn durch die Medien gingen, geht
eine lange Indoktrination voraus. Zuerst wird die Gruppe isoliert: Retreats
auf dem Lande. Die Kommunikation zwischen Innen- und Außenwelt entfällt
oder wird herabgemindert. Die Überzeugtheit des Anführers, der sich
wie einst Franklin Rutherford, Führer der Zeugen Jehovas, für gottähnlich
hält, vereint sich mit einer Endzeitmythologie, nach der das große
Gericht unmittelbar bevorsteht. Die Bindungen an alles „Irdische“
werden gelockert. Der eigene Körper, Träger des Lebens, wird systematisch
abgewertet zu einer minderwertigen Hülle. Der Tod wird als Reise oder
Übergang verbrämt. Der Sektenführer verkündet die Aufhebung
der menschlichen Gesetze und Verträge – womöglich zerreißt
er sie vor den Augen der Verschwörer, wie Hitler damals den Versailler
Vertrag öffentlich zerriss. Paranoia wird geschürt, indem Gerüchte
über Verfolger ausgestreut werden. Gegebenenfalls werden die Mitglieder
bewaffnet – bei terroristischen Vereinigungen besonders wichtig –
und zur Destruktion an Menschen aufgefordert.
Der im teuflischen
Wahn agierende Anführer erlebt einen paranoiden Schub, eine Idee aus
der Finsternis. Ihr Auslöser ist verborgen, kann aber apokalyptische
Dimensionen annehmen. Weil er den finsteren Botschaften vertraut, seine Anhänger
damit indoktriniert und darin einbindet, folgen sie ihm – manchmal bis
in den Tod.
Die Ergebenheit gegenüber
dem Führer, der bedingungslose Gehorsam und andere Phänomene, studierte
Dieter Sträuli am Beispiel der Nazis. Er bezeichnete die Nationalsozialisten
als das „Paradigma einer Psychosekte“.
Sekten verwenden
Psychotechniken, um ihre Ziele zu erreichen. Eine Sekte verzerrt die Wirklichkeit,
meint aber, die ganze Wahrheit zu kennen. Halbwahrheiten und dämonisch
inspirierte Heilslehren werden als göttliche Offenbarung verkündigt
und geglaubt. Manipulierte werden zu Manipulatoren.
THOMAS ILLMAIER
Factum (CH), 9/1997, S. 16-19.