Leseratten

Leseratten sind Leute, meist Jugendliche, die vom Lesen gar nicht wieder wegzukriegen sind. Aber sie sind selten, wie das Wort ,,Leseratte“ ja auch schon aus der Mode gekommen ist.
Das Lesen bietet aber ein ganz seltenes Vergnügen: Vorausgesetzt, der Leser liest sich in gute Literatur ein. Ich hatte ein wunderbares Leseerlebnis mit lsaac Singers ,,Feinde, Geschichte einer Liebe“, wiewohl ich seine Romanfiguren moralisch eher verurteilte. Aber der Roman war aus einem Guß, kräftig und packend geschrieben und mit einer gediegenen Würze Philosophie, die als Vision die Charaktere vollendete und der Handlung einen das Alltagsleben übergreifenden Sinn gab.
Die meisten Leute kennen das Leseerlebnis gar nicht mehr, das einen solchen Namen verdiente. (Es gibt ja auch kaum mehr Leseratten.) Das Fernsehen hat die Bücher verdrängt. Das Fernsehen kommt der Müdigkeit entgegen, die der Arbeiter nach Feierabend mit nach Hause bringt. Wer rafft sich nach acht Stunden Arbeit, Lärm, Gedrängel, Giftgas und Stau noch auf, ein gutes Buch zu lesen? Er begibt sich des Leseerlebnisses, das zur Muße gehört, deren wir immer mehr verlustig gehen, je dringender wir sie brauchen. Die Schere öffnet sich, der Blickwinkel wird stumpf. Manchmal führt das zur Verzweiflung. Fernsehen wirkt wie eine Droge: Man schaltet ab, indem man einschaltet. Entsprechend wirken übrigens auch Walkman, Stereogeriesel im Auto, zu Hause, jetzt auch auf der Urlaubspromenade.
Die „Leseschützer“, Pädagogen, Politiker, Künstler arrangieren sich mit dem Fernsehen und anderen, z.B. auditiven Medien. Fernsehen rege die Phantasie insoweit an, als sie neugierig mache, das Gesehene nachzulesen. Das Fernsehen, auch das Kino, vertritt also im immer größeren Maße den Bereich der Werbung, sei es im Werbespot oder „Im Namen der Rose“. Wer Zeit hat, liest es auch noch.
Die Leser sind auf dem Rückzug. Ach, welche Zeit, als man noch im Buche in der Natur las! Lesen, als Metapher für jedwedes Erkennen! Die schönsten Plätze, die heute in den Städten noch übrig sind, werden von Krachmachern besetzt – jetzt auch schon an den Wochenenden auf der Friedenshöhe.
Leseratten müssen sich immer weiter verkriechen. Alte Menschen, und das dauert uns, sieht man jetzt schon manchmal die Bänke der Sportplätze säumen in Stunden, wenn nicht gespielt wird. Hier hat man freie Sicht und – Ruhe; denn die Parks sind von köternden Hunden oft verdreckt, deren Herrchen und Frauchen ihren Kinderersatz oft auf seltsame Weise hätscheln.
Doch zum Fernsehen zurück, der Reklamebude, der Glotze, wie der Volksmund sagt; man wird in seinen Programmen weder Schillers Idealität noch Goethes Weite finden, die man nur im Buch erleben kann. Eine Kulturnation zeichnet sich dadurch aus, daß sie zivilisatorische Vorsorge trifft. Analphabeten im geistigen Sinne können uns keine Zukunft garantieren. Fernsehgeschädigte Kinder, deren Phantasie verkümmert, die nicht mehr richtig zu spielen verstehen, werden im entscheidenden Moment versagen. Die ,,Leseschützer“ sind übrigens inzwischen organisiert, um der Propagandamaschinerie des Fernsehens eigene Aufklärungsarbeit entgegenzusetzen: Die „Stiftung Lesen“ mit Sitz in Mainz. Das personale Spektrum der „Stiftung Lesen“ und seine Aktivitäten sind vielversprechend – auch wird der Jargon des technobürokratisierten ö f f e n t l i c h e n Lesens zum Lacheffekt: Wer den Leser als ,,Printmediennutzer“ bezeichnet, weiß nichts von den geheimen Freuden einer Stunde Muße, einer Stunde Lesezeit.

Thomas Illmaier

Interessierte wenden sich bitte an die
„Stiftung Lesen“, Römerwall 40 in 55131 Mainz
www.StiftungLesen.de

Die Elberfelder Südstadt, Heft 1, 1992, S. 36.

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