KULTUR
Viel mehr als Elbe
Von Nazis keine Spur: Wie eine norddeutsche Kleinstadt das Kriegsende vor
sechzig Jahren begeht
Klein-Moskau liegt an der Elbe; seinen Spitznamen hat die
Stadt Geesthacht, zwischen Hamburg und Lauenburg (dem ehemaligen (Grenzübergang
in die DDR) gelegen, noch aus den 1920er Jahren. Damals war Geesthacht eine
Hochburg der Kommunisten.
In Geesthachts Ortsteil
Krümmel erfand Alfred Nobel 1867 das Dynamit; dort baute der spätere
Nobelpreis-Friedensstifter und Förderer der Wissenschaften eine der ersten
Sprengstoff-Fabriken der Welt. Nicht zufällig übrigens; denn das
hohe Elbufer, die eiszeitliche Moränen- und Dünenlandschaft bot
idealen Schutz bei Detonationen: Wenn etwas explodieren sollte, würden
die Hügel der uralten Dünenlandschaft die Druckwellen brechen.
Geesthacht-Krümmel
gedieh unter Hitlers nationalsozialistischer Regierung, aufgewertet durch
persönliche Besuche des Führers der Deutschen Arbeitsfront Robert
Ley, der mit fortlaufendem Kriegsgeschehen immer öfters betrunken vor
die Mikrophone und die hörend hörigen Massen trat, zu einer der
größten Sprengstoff-Fabriken Europas, einem ,,Kriegsmusterbetrieb“,
ausgedehnt und perfekt getarnt auf rund 350 Hektar Wald- und Dünenlandschaft.
20.000 Fremdarbeiter schufteten hier, in unmittelbarer Nachbarschaft –
Luftlinie rund 15 Kilometer – des Konzentrationslagers Neuengamme.
Heute steht in Geesthacht-Krümmel
eins der größten und modernsten Kernkraftwerke Europas. Geesthacht
hat wahrlich Industriegeschichte geschrieben. In den Annalen der Politik kommt
es indessen eher verhalten vor; denn die Zeiten, als die Züge von Hamburg,
vollbesetzt mit deutschen, vom Kriegsdienst freigestellten Angestellten nach
Geesthacht-Krümmel ins gigantische und vom Luftraum aus nicht einzusehende
Werk der Dynamit Nobel AG rollten, wobei große Transparente mit der
Aufschrift ,,Räder rollen für den Sieg“ an den Waggons der
Züge prangten – diese Zeiten sind vorbei, vergessen. Das macht
das Andenken an jene Zeit heute so besonders schwer.
Hitler, Himmler und Heydrich glänzen durch Abwesenheit
Die sogenannte Erinnerungskultur in Deutschland ist bis heute
der Sicht der Sieger zu verdanken. Wer sich in der Flut von Dokumentarfilmen
über den Zweiten Weltkrieg noch zurechtfindet, wird bald gemerkt haben,
daß fast alle filmischen Dokumente von britischen, amerikanischen oder
russischen Militär-Kameraleuten gedreht worden sind. Wo bleibt die deutsche
Perspektive? Wie haben die deutschen Landser, die Kommandeure auf verlorenem
Posten gedacht? Was haben sie empfunden inmitten dieses aussichtslosen Kampfes?
Was passierte nach der Niederlage und Kapitulation? Erst wenn diese Fragen
beantwortet worden sind, kann man daran gehen, Denken und Fühlen der
Deutschen jener Zeit zu verstehen.
Wie begeht nun eine Kleinstadt wie Geesthacht, die mit dem sinnigen Spruch
,,Viel mehr als Elbe“ für sich und mehr Tourismus wirbt (,,Luftkurort“
bleibt angesichts des elbgekühlten Kernkraftwerks natürlich ausgeschlossen),
das Kriegsende – und für viele Deutsche damals war es das Weltende?
Der Alte Friedhof,
an der alten Reichsstraße nach Berlin gelegen, ist geschlossen. Nur
die alte Kapelle auf dem Friedhof, nach dem Krieg zur Lagerhalle verkommen,
wird wieder als Gedenkkapelle genutzt. Sie steht unter Denkmalschutz. Hier
wird des Zweiten Weltkrieges, seiner Toten und Vermißten, hier wird
des großen Verderbens der weltweiten Völkervernichtung gedacht.
Die in dieser Gedenkkapelle
eben zu Ende gegangene Ausstellung ,,Corpusculum“ von Sylvia Stuhr wurde
durch ein Zitat von Bertold Brecht schon an der Berliner Straße (der
alten Reichsstraße nach Berlin und heutigen Bundesstraße 5), wo
die Kapelle liegt, angekündigt: ,,Ausstellung“ prangt auf dem Banner,
darunter das Zitat von Brecht ,,Traurig das Land, das Helden nötig hat.“
Ein Held ist vor allem ein mutiges Vorbild. Mutige Vorbilder braucht Deutschland
also nicht. Es genügen Schröder, Fischer und Thierse, um unseren
Durst nach Vorbildern zu stillen – und um nicht traurig zu sein.
In der Gedenkkapelle
selbst tut sich einem nicht etwa das große Pandämonium der Hitler-
und Herrenzeit mit ihren wechselnden Siegern und Besiegten auf, sondern das
hämische Geschichtsverständnis einer im sozialdemokratischen Milieu
hängengebliebenen und unter Gesinnungszwang leidenden Geschichtsverwaltung.
Die Skulpturengruppe
von Sylvia Stuhr, ein Ausschnitt ihres Kaleidoskops der Vernichtung unter
dem Titel ,,Corpusculum“, auf dem Boden der Kapelle und auf Sand gebettet,
zeigt zerfetzte Menschenleiber aus Papier, entseelte Torsi, oft in spielerischer
Pose festgehalten und so einen letzten Anklang an das Leben erhaschend. Soweit
die Vision der Künstlerin.
Wer den Blick, der
mit zu Boden gesenktem Haupte sehr schnell betreten wird, erhebt, sieht sich
den politischen Auguren gegenüber, deren Gesinnung his heute Ton und
Umgang der Deutschen bestimmt. Aussprüche von Brecht über Tucholsky
bis zu Nelly Sachs, deren Gedicht ,,Auf das die Verfolgten nicht Verfolger
werden“, Rechtschreibfehler inbegriffen, das Zentrum der Kapelle ausleuchtet.
Gerade dieses Gedicht
sollte den Blick auf die politische Kultur Deutschlands lenken helfen. So
sehen wir uns um. Sofort fällt auf, daß die eigentlichen Täter
fehlen: Hitler, Himmler und Heydrich glänzen durch Abwesenheit. Statt
dessen werden den gehängten stilisierten Fahnen mit Aussprüchen
von Nelly Sachs, Kurt Tucholsky oder dem polnischen Zwangsarbeiter, dessen
Grabstein in Geesthacht das Motiv für einen Schnappschuß hergab,
die ganz besonderen ,,Täter“ gegenübergestellt: Kaiser Wilhelm
II. und Otto von Bismarck, der Eiserne Kanzler.
Wilhelm II. spricht
zum Betrachter noch einmal sein bekanntes Wort: ,,Ich führe euch herrlichen
Zeiten entgegen“ – ein Hohn auf die Opfer? Wo bleibt Hitlers Ausspruch:
“Der Antisemitismus ist der Zement des Nationalsozialismus“? Bismarck
läßt markig verkünden: ,,Wir Deutsche fürchten Gott,
aber sonst nichts in der Welt.“ Und das in der Gedenkkapelle, einem
religiösen Andachts- und geschichtlichen Erfahrungsraum, während
die Familie Bismarck in Friedrichsruh, 15 Kilometer Luftlinie entfernt im
nahegelegenen Sachenwald lebt, wo auch der Eiserne Kanzler im Mausoleum über
der Familiengruft der Bismarcks ruht.
Da hätten die Macher der Ausstellung doch eigentlich gleich, um ihre
Sicht der Dinge abzurunden, die Zustimmung der Sozialdemokratie für Wilhelms
Kriegskredite plakatieren können. Ein wenig Selbstkritik wäre doch
wohl angebracht, zumal mit Rücksicht auf die Bevölkerung, die oft
gar nicht zur Schule gehen konnte, weil Nazis und Kommunisten aufeinander
schossen. Rote Fahnen und das Hakenkreuz hingen oft genug in ein und derselben
engen Straße aus den Fenstern.
Die Ausstellungsmacher
mit ihrer verfälschenden Sicht auf die Geschichte huldigen dem Triumph
der Siegermächte über Deutschland noch heute. Klein-Moskau ist nicht
tot.
Gerade weil es auch in der DDR so ein selbstgebasteltes und schließlich
bankrottes Geschichtsbild gab, gerade deshalb hätten die in der politisch-historischen
Verantwortung stehenden Ausstellungsmacher und auch die Künstlerin selbst,
die natürlich froh war, ihre Figuren überhaupt vorzustellen, die
Ausgewogenheit der Geschichte zur Darstellung bringen müssen. Dazu gehören
allerdings die Tatzeugen selbst und nicht irgendeine verblaßte Vätergeneration,
die Eltern und Großeltern der Nazi-Generation. In den Augen der Macher
gilt offenbar die historische Sippenhaft bis heute.
Nelly Sachs, die
große Dichterin und spätere Literatur-Nobelpreisträgerin,
die bei Selma Lagerlöf in Schweden Zuflucht vor den Nationalsozialisten
fand, soll deshalb – diesmal ohne Rechtschreibfehler – das Schlußwort
als mahnende, warnende, schreckende Seherin haben: ,,Auf daß die Verfolgten
nicht Verfolger werden!“
THOMAS ILLMAIER
Junge Freiheit, 23/2005, S. 14.
Foto: Svetlana Zunder, Serie "Gedenkkapelle Geesthacht", Ausschnitt, 2005.