Die Modell-Psychose
Halluzinogene in Forschung und Therapie
Ein ,,dreckiges Werkzeug“ sei LSD, weil es chemisch
interagierend auf verschiedene Zentren des Gehirns gleichzeitig wirke. So
äußerte sich Paul Herrling, Forschungsleiter beim Schweizer Pharmakonzern
Sandoz, in dem vom deutschen Fernsehen (Channel West 3) ausgestrahlten Film
,,Künstliche Paradiese“. Der Schwerpunkt der Forschung bei Sandoz,
so Herrling, liege jetzt auf den ,,reinen“ Drogen, die gezielt auf ein
bestimmtes Zentrum des Gehirns wirken. Dennoch wird LSD weiterhin von Wissenschaftlern
zur Erforschung des menschlichen Gehirns eingesetzt. Durch LSD werden Modellpsychosen
erzeugt, die Klärung unter anderem in der Schizophrenieforschung erbringen
sollen. Neue Projekte in der Grundlagenforschung in den USA, der Schweiz und
Deutschland befassen sich mit LSD oder verwandten Stoffen; denn die komplexe
Wirkweise von LSD auf die Gehirnzentren des Menschen bedeutet für die
Wissenschaft weltweit eine Herausforderung.
In den Laboren von
Sandoz in Basel wurde LSD – Lysergsäure-diäthylamid –
1943 erstmals im Selbstversuch von Albert Hofmann erprobt. Er hatte die Substanz
als erster und planmäßig auf der Suche nach einem auf die Gebärmutter
wirkenden blutstillenden Mittel synthetisiert – und war zunächst
versehentlich damit in Berührung gekommen. Hofmann: ,,Ich mußte
mitten am Nachmittag meine Arbeit im Laboratorium unterbrechen und mich nach
Hause begeben, da ich von einer merkwürdigen Unruhe, verbunden mit einem
leichten Schwindelgefühl, befallen wurde. Zu Hause legte ich mich nieder.
Im Dämmerzustand bei geschlossenen Augen – das Tageslicht empfand
ich als unangenehm grell – drangen ununterbrochen phantastische Bilder
von außerordentlicher Plastizität und mit intensivem, kaleidoskopartigem
Farbenspiel auf mich ein. Nach etwa zwei Stunden verflüchtigte sich dieser
Zustand.“ LSD wird aus den aktiven Prinzipien des Mutterkorns gewonnen,
einem niederen Pilz (Claviceps purpurea), der auf Roggen und anderen Getreiden
wuchert. Die Synthese der Substanz entpuppte sich als ein Psychostimulans
von bisher unübertroffener Stärke. Nur ca. 50 millionstel Gramm
genügen, um die Welt in ein völlig fremdes Spektrum, ein übernatürliches
Licht oder die Farben der Hölle zu tauchen. Hofmann, der Chemiker, hatte
so etwas noch nie gesehen.
Da die Weltwahrnehmung
und in höheren Dosen auch die Wachtraumwelt des Menschen den Charakter
von ,,Modell-Psychosen“ annimmt, war LSD von jeher für die Psychiatrie
von bedeutendem Interesse. Zwei Symposien, in Lugano und Zürich, gaben
unlängst Wissenschaftlern aus Europa und Amerika Gelegenheit, über
den Stand der Erforschung der Halluzinogene, so der Fachausdruck für
LSD und verwandte Stoffe, zu referieren. Derzeit führend auf diesem Gebiet
sind die Forschergruppen um Franz X. Vollenweider von der psychiatrischen
Universitätsklinik Zürich und Leo Hermle, Leiter der psychiatrischen
Abteilung der Fachklinik ,,Christophsbad“ in Göppingen. Vollenweider
konnte in Zusammenarbeit mit dem Paul-Scherrer-Institut und mit Hilfe der
Positronen Emmissions Tomographie (PET) – einem bildgebenden Verfahren,
das durch kurzlebige Positronenstrahler Stoffwechselvorgänge im Gehirn
sichtbar macht – nachweisen, daß sich der Energiestoffwechsel
des Gehirns unter dem Einfluß von Psilocybin, einem LSD verwandten Halluzinogen,
verändert. Insbesondere sind davon die Regionen des Frontal(Stirn)hirns
und der Basalganglien betroffen. In diesen Gehirnregionen werden Denken, kognitives
Erleben und bildhafte Vorstellungen mit planvollem Handeln koordiniert. Unter
dem Einfluß von Psilocybin konnte hier eine Hyperaktivität festgestellt
werden, wie sie kennzeichnend ist für die Anfangsphase eines schizophrenen
Prozesses.
Leo Hermle stützte
seine Untersuchungen im wesentlichen auf den Pionier der Meskalinforschung
Kurt Beringer, der an der Universität Heidelberg in den zwanziger Jahren
die Wirkung von Meskalin auf die menschliche Psyche untersuchte.. Auf Beringer
geht auch der Begriff ,,Modell-Psychose“ zurück. Meskalin kommt
in natürlicher Form in dem Peyote-Kaktus Südamerikas vor und wurde
von E. Späth 1919 erstmals synthetisiert. Es wirkt dem LSD vergleichbar.
Hermle verabreichte 12 gesunden Probanden (im Alter von 27 bis 47 Jahren)
je 500 mg Meskalin. Die Probanden wurden während der 12stündigen
Meskalinwirkung verschiedenen psychologischen Tests unterworfen, um die Wirkung
des Meskalins auf das Gehirn zu untersuchen. Die Resultate stehen in Einklang
mit Vollenweiders Untersuchungen, die ebenfalls eine Aktivität der Frontalhirnregionen
feststellten – ein Umstand, der auch bei akut schizophrenen Patienten
beobachtet werden konnte.
Man muß davon
ausgehen, daß auch gesunde Personen auf entsprechende Stimuli (beispielsweise
auf halluzinogene Drogen, Reizentzug, Reizüberflutung etc.) kurzdauernde
schizophrenieähnliche Zustände entwickeln können. Die Schwierigkeit,
in der Psychiatrie zwischen drogeninduzierten Psychosen und Schizophrenie
zu unterscheiden, ist bis heute ein ungelöstes Problem. Dies zeigt sich
insbesondere darin, daß die genauen biologischen und psychologischen
Ursachen weder bei der Schizophrenie noch bei den organischen Psychosen (etwa
den Drogenpsychosen) bekannt sind.
Diese Situation läßt
es als sinnvoll erscheinen, den Möglichkeiten mit sogenannten Modell-Psychosen
erneut nachzugehen und auf die modernen Untersuchungstechniken in der Psychiatrie
zurückzugreifen. Modellpsychosen bieten nämlich den Vorteil, daß
gesunde Probanden über ihre Erfahrungen besser Auskunft geben können
als kranke Patienten.
Die Erfahrungen während einer Modellpsychose reichen von psychotischen
Phänomenen, wie paranoiden Episoden, Angst- und Panikreaktionen, über
psychodynamische Erfahrungen, zum Beispiel Regressionen auf frühkindliche
Erfahrungen traumatischer Erinnerungen und verdrängter Erlebnisse, bis
hin zu ästhetischen Erfahrungen von überwältigender Schönheit,
wobei das Hören von Musik im Rahmen synästhetischer Wahrnehmung
zu einem tiefen ästhetisch-emotionalen Erlebnis wird. ,,Ich schloß
die Augen, aber die farbigen Töne verschwanden nicht. Während ich
zusah, überfluteten leuchtende Farben den Raum, legten sich im Rhythmus
der Musik schichtweise übereinander. Plötzlich wurde mir bewußt,
daß die Farben ja die Musik waren“, berichtet ein 25jähriger
Werbeagent über sein LSD-Erlebnis. Kognitive Erfahrungen, sich selbst
und die Umwelt aus neuer Perspektive zu sehen, gehören ebenfalls dazu.
Die psychedelische Gipfelerfahrung – Peak Experience – führt
in Bereiche der sogenannten ozeanischen Selbstentgrenzung und wird als mystisch-religiös
beschrieben.
In methodischer Hinsicht lassen sich Untersuchungen anhand der Modell-Psychose
zeitlich vor und nach Einsetzen der Wirkung der Substanz genau terminieren.
Hermles Untersuchungen konnten zeigen, daß die unter dem Einfluß
von Meskalin erfolgenden und zeitlich parallel verlaufenden psychischen und
biologischen Vorgänge – halluzinatorische Erlebnisse und der Energiestoffwechsel
des Gehirns – zwar zeitlich miteinander in Beziehung gebracht werden
können, der kausale Zusammenhang ist jedoch noch ungenügend geklärt.
Deshalb wird auf diesem Gebiet weiter geforscht.
Erst neuerdings werden
wieder Forschungsprojekte in den USA, der Schweiz und Deutschland genehmigt.
Denn durch das massenhafte Konsumieren des LSD in den 60er und 70er Jahren
als ,,Hippiedroge“ und das daraufhin weltweit erfolgende Verbot der
Substanz wurde die Erforschung von LSD außerordentlich erschwert. Albert
Hofmann, der LSD entdeckte, gab auf dem Symposium ,,50 Jahre LSD“ in
Lugano zu bedenken, welcher De-facto-Rückstand in der Erforschung von
LSD und seinen Effekten durch die drakonischen Maßnahmen der Staaten,
LSD und verwandte Stoffe gänzlich zu verbieten, entstanden ist.
Die Erteilung einer
staatlichen Genehmigung für den therapeutischen Einsatz von LSD an Psychiater
ist in Deutschland derzeit nahezu unmöglich. In der Schweiz ist die Genehmigung
nur unter sehr ausgeklügelten Bedingungen erhältlich. Juraj Styk,
der Präsident der Schweizerischen Ärztegesellschaft für psycholytische
Therapie, arbeitet seit den 60er Jahren als Psychotherapeut erfolgreich mit
dem Einsatz von LSD, so im Rahmen psychotherapeutischer Sterbehilfe. Psycholyse
bedeutet die Lösung der Widerstände, damit das Unbewußte sichtbar
in Erscheinung treten kann. Styk referierte auf dem Symposion über den
Fall eines 43 Jahre alten, verzweifelten Mathematikers, der vom Krebstod bedroht
war. Styk hatte dem Patienten durch LSD eine Selbsterfahrung ermöglicht,
die ihn in das Erleben seiner biographisch traumatischen Erfahrungen führte,
besonders in die Konfrontation mit dem Tode und schließlich in die Entdeckung
eines spirituellen Friedens in Verbindung mit einer geistigen Wiedergeburt.
Eine daraus gewonnene neue Einstellung zum Leben half dem Patienten, ein Jahr
später friedlich im Kreis seiner Familie zu sterben.
So plädiert
auch Albert Hofmann, der heute 88jährige Entdecker des LSD, für
den psychiatrisch kontrollierten Einsatz von LSD in der Psychotherapie.
Weiterführende Literatur:
Adolf Dittrich, Albert Hofmann und Hanscarl Leuner (Hrsg.): Welten des Bewußtseins.
Vier Bände. Berlin. 1994. Verlag für Wissenschaft und Bildung.
- Band 1: Ein interdisziplinärer Dialog;
- Band 2: Kulturanthropologische und philosophische Beiträge;
- Band 3: Experimentelle Psychologie, Neurobiologie und Chemie;
- Band 4: Bedeutung für die Psychotherapie.
Bild 1:
Thomas Illmaier, geboren 1951, studierte Philosophie, Theologie und Literaturwissenschaften.
Er veröffentlichte bisher zwei philosophische Monographien: ,,Der Philosoph
im All“ (1987) und ,,Die Große Geste“ (1990); zunehmende
journalistische Tätigkeit für Presse, Rundfunk und Fernsehen.
Bild 2:
Abb. links: Single-Photon Computertomographie (SPECT) mit dem Radioisotop
Technetium (Tc)-HMPAO 14 Tage vor Meskalineinnahme bei einem gesunden 31jährigen
männlichen Probanden. Die Stoffwechselaktivitäten wurden als sogenannte
„Counts“ in den an der Mittellinie gespiegelten Regionen in der
linken und rechten Hirnhälfte gemessen ( gelb = leichte Stoffwechselaktivität;
rot = mittlere Stoffwechselaktivität; weiß = starke Stoffwechselaktivität).
Abb. rechts: Tc-HMPAO-SPECT desselben Probanden während einer meskalininduzierten
Modellpsychose. In den vorderen, vor allem rechten Hirnregionen findet sich
eine verstärkte Stoffwechselaktivität (sogenannte Hyperfrontalität).
Mut, Febr. 1995, S. 52-54.