Juraj StykThomas ILLMAIER:

Die Modell-Psychose
Halluzinogene in Forschung und Therapie

Ein ,,dreckiges Werkzeug“ sei LSD, weil es chemisch interagierend auf verschiedene Zentren des Gehirns gleichzeitig wirke. So äußerte sich Paul Herrling, Forschungsleiter beim Schweizer Pharmakonzern Sandoz, in dem vom deutschen Fernsehen (Channel West 3) ausgestrahlten Film ,,Künstliche Paradiese“. Der Schwerpunkt der Forschung bei Sandoz, so Herrling, liege jetzt auf den ,,reinen“ Drogen, die gezielt auf ein bestimmtes Zentrum des Gehirns wirken. Dennoch wird LSD weiterhin von Wissenschaftlern zur Erforschung des menschlichen Gehirns eingesetzt. Durch LSD werden Modellpsychosen erzeugt, die Klärung unter anderem in der Schizophrenieforschung erbringen sollen. Neue Projekte in der Grundlagenforschung in den USA, der Schweiz und Deutschland befassen sich mit LSD oder verwandten Stoffen; denn die komplexe Wirkweise von LSD auf die Gehirnzentren des Menschen bedeutet für die Wissenschaft weltweit eine Herausforderung.
In den Laboren von Sandoz in Basel wurde LSD – Lysergsäure-diäthylamid – 1943 erstmals im Selbstversuch von Albert Hofmann erprobt. Er hatte die Substanz als erster und planmäßig auf der Suche nach einem auf die Gebärmutter wirkenden blutstillenden Mittel synthetisiert – und war zunächst versehentlich damit in Berührung gekommen. Hofmann: ,,Ich mußte mitten am Nachmittag meine Arbeit im Laboratorium unterbrechen und mich nach Hause begeben, da ich von einer merkwürdigen Unruhe, verbunden mit einem leichten Schwindelgefühl, befallen wurde. Zu Hause legte ich mich nieder. Im Dämmerzustand bei geschlossenen Augen – das Tageslicht empfand ich als unangenehm grell – drangen ununterbrochen phantastische Bilder von außerordentlicher Plastizität und mit intensivem, kaleidoskopartigem Farbenspiel auf mich ein. Nach etwa zwei Stunden verflüchtigte sich dieser Zustand.“ LSD wird aus den aktiven Prinzipien des Mutterkorns gewonnen, einem niederen Pilz (Claviceps purpurea), der auf Roggen und anderen Getreiden wuchert. Die Synthese der Substanz entpuppte sich als ein Psychostimulans von bisher unübertroffener Stärke. Nur ca. 50 millionstel Gramm genügen, um die Welt in ein völlig fremdes Spektrum, ein übernatürliches Licht oder die Farben der Hölle zu tauchen. Hofmann, der Chemiker, hatte so etwas noch nie gesehen.
Da die Weltwahrnehmung und in höheren Dosen auch die Wachtraumwelt des Menschen den Charakter von ,,Modell-Psychosen“ annimmt, war LSD von jeher für die Psychiatrie von bedeutendem Interesse. Zwei Symposien, in Lugano und Zürich, gaben unlängst Wissenschaftlern aus Europa und Amerika Gelegenheit, über den Stand der Erforschung der Halluzinogene, so der Fachausdruck für LSD und verwandte Stoffe, zu referieren. Derzeit führend auf diesem Gebiet sind die Forschergruppen um Franz X. Vollenweider von der psychiatrischen Universitätsklinik Zürich und Leo Hermle, Leiter der psychiatrischen Abteilung der Fachklinik ,,Christophsbad“ in Göppingen. Vollenweider konnte in Zusammenarbeit mit dem Paul-Scherrer-Institut und mit Hilfe der Positronen Emmissions Tomographie (PET) – einem bildgebenden Verfahren, das durch kurzlebige Positronenstrahler Stoffwechselvorgänge im Gehirn sichtbar macht – nachweisen, daß sich der Energiestoffwechsel des Gehirns unter dem Einfluß von Psilocybin, einem LSD verwandten Halluzinogen, verändert. Insbesondere sind davon die Regionen des Frontal(Stirn)hirns und der Basalganglien betroffen. In diesen Gehirnregionen werden Denken, kognitives Erleben und bildhafte Vorstellungen mit planvollem Handeln koordiniert. Unter dem Einfluß von Psilocybin konnte hier eine Hyperaktivität festgestellt werden, wie sie kennzeichnend ist für die Anfangsphase eines schizophrenen Prozesses.
Leo Hermle stützte seine Untersuchungen im wesentlichen auf den Pionier der Meskalinforschung Kurt Beringer, der an der Universität Heidelberg in den zwanziger Jahren die Wirkung von Meskalin auf die menschliche Psyche untersuchte.. Auf Beringer geht auch der Begriff ,,Modell-Psychose“ zurück. Meskalin kommt in natürlicher Form in dem Peyote-Kaktus Südamerikas vor und wurde von E. Späth 1919 erstmals synthetisiert. Es wirkt dem LSD vergleichbar. Hermle verabreichte 12 gesunden Probanden (im Alter von 27 bis 47 Jahren) je 500 mg Meskalin. Die Probanden wurden während der 12stündigen Meskalinwirkung verschiedenen psychologischen Tests unterworfen, um die Wirkung des Meskalins auf das Gehirn zu untersuchen. Die Resultate stehen in Einklang mit Vollenweiders Untersuchungen, die ebenfalls eine Aktivität der Frontalhirnregionen feststellten – ein Umstand, der auch bei akut schizophrenen Patienten beobachtet werden konnte.
Man muß davon ausgehen, daß auch gesunde Personen auf entsprechende Stimuli (beispielsweise auf halluzinogene Drogen, Reizentzug, Reizüberflutung etc.) kurzdauernde schizophrenieähnliche Zustände entwickeln können. Die Schwierigkeit, in der Psychiatrie zwischen drogeninduzierten Psychosen und Schizophrenie zu unterscheiden, ist bis heute ein ungelöstes Problem. Dies zeigt sich insbesondere darin, daß die genauen biologischen und psychologischen Ursachen weder bei der Schizophrenie noch bei den organischen Psychosen (etwa den Drogenpsychosen) bekannt sind.
Diese Situation läßt es als sinnvoll erscheinen, den Möglichkeiten mit sogenannten Modell-Psychosen erneut nachzugehen und auf die modernen Untersuchungstechniken in der Psychiatrie zurückzugreifen. Modellpsychosen bieten nämlich den Vorteil, daß gesunde Probanden über ihre Erfahrungen besser Auskunft geben können als kranke Patienten.
Die Erfahrungen während einer Modellpsychose reichen von psychotischen Phänomenen, wie paranoiden Episoden, Angst- und Panikreaktionen, über psychodynamische Erfahrungen, zum Beispiel Regressionen auf frühkindliche Erfahrungen traumatischer Erinnerungen und verdrängter Erlebnisse, bis hin zu ästhetischen Erfahrungen von überwältigender Schönheit, wobei das Hören von Musik im Rahmen synästhetischer Wahrnehmung zu einem tiefen ästhetisch-emotionalen Erlebnis wird. ,,Ich schloß die Augen, aber die farbigen Töne verschwanden nicht. Während ich zusah, überfluteten leuchtende Farben den Raum, legten sich im Rhythmus der Musik schichtweise übereinander. Plötzlich wurde mir bewußt, daß die Farben ja die Musik waren“, berichtet ein 25jähriger Werbeagent über sein LSD-Erlebnis. Kognitive Erfahrungen, sich selbst und die Umwelt aus neuer Perspektive zu sehen, gehören ebenfalls dazu. Die psychedelische Gipfelerfahrung – Peak Experience – führt in Bereiche der sogenannten ozeanischen Selbstentgrenzung und wird als mystisch-religiös beschrieben.
In methodischer Hinsicht lassen sich Untersuchungen anhand der Modell-Psychose zeitlich vor und nach Einsetzen der Wirkung der Substanz genau terminieren. Hermles Untersuchungen konnten zeigen, daß die unter dem Einfluß von Meskalin erfolgenden und zeitlich parallel verlaufenden psychischen und biologischen Vorgänge – halluzinatorische Erlebnisse und der Energiestoffwechsel des Gehirns – zwar zeitlich miteinander in Beziehung gebracht werden können, der kausale Zusammenhang ist jedoch noch ungenügend geklärt. Deshalb wird auf diesem Gebiet weiter geforscht.
Erst neuerdings werden wieder Forschungsprojekte in den USA, der Schweiz und Deutschland genehmigt. Denn durch das massenhafte Konsumieren des LSD in den 60er und 70er Jahren als ,,Hippiedroge“ und das daraufhin weltweit erfolgende Verbot der Substanz wurde die Erforschung von LSD außerordentlich erschwert. Albert Hofmann, der LSD entdeckte, gab auf dem Symposium ,,50 Jahre LSD“ in Lugano zu bedenken, welcher De-facto-Rückstand in der Erforschung von LSD und seinen Effekten durch die drakonischen Maßnahmen der Staaten, LSD und verwandte Stoffe gänzlich zu verbieten, entstanden ist.
Die Erteilung einer staatlichen Genehmigung für den therapeutischen Einsatz von LSD an Psychiater ist in Deutschland derzeit nahezu unmöglich. In der Schweiz ist die Genehmigung nur unter sehr ausgeklügelten Bedingungen erhältlich. Juraj Styk, der Präsident der Schweizerischen Ärztegesellschaft für psycholytische Therapie, arbeitet seit den 60er Jahren als Psychotherapeut erfolgreich mit dem Einsatz von LSD, so im Rahmen psychotherapeutischer Sterbehilfe. Psycholyse bedeutet die Lösung der Widerstände, damit das Unbewußte sichtbar in Erscheinung treten kann. Styk referierte auf dem Symposion über den Fall eines 43 Jahre alten, verzweifelten Mathematikers, der vom Krebstod bedroht war. Styk hatte dem Patienten durch LSD eine Selbsterfahrung ermöglicht, die ihn in das Erleben seiner biographisch traumatischen Erfahrungen führte, besonders in die Konfrontation mit dem Tode und schließlich in die Entdeckung eines spirituellen Friedens in Verbindung mit einer geistigen Wiedergeburt. Eine daraus gewonnene neue Einstellung zum Leben half dem Patienten, ein Jahr später friedlich im Kreis seiner Familie zu sterben.
So plädiert auch Albert Hofmann, der heute 88jährige Entdecker des LSD, für den psychiatrisch kontrollierten Einsatz von LSD in der Psychotherapie.

Weiterführende Literatur:
Adolf Dittrich, Albert Hofmann und Hanscarl Leuner (Hrsg.): Welten des Bewußtseins. Vier Bände. Berlin. 1994. Verlag für Wissenschaft und Bildung.
- Band 1: Ein interdisziplinärer Dialog;
- Band 2: Kulturanthropologische und philosophische Beiträge;
- Band 3: Experimentelle Psychologie, Neurobiologie und Chemie;
- Band 4: Bedeutung für die Psychotherapie.

Bild 1:
Thomas Illmaier, geboren 1951, studierte Philosophie, Theologie und Literaturwissenschaften. Er veröffentlichte bisher zwei philosophische Monographien: ,,Der Philosoph im All“ (1987) und ,,Die Große Geste“ (1990); zunehmende journalistische Tätigkeit für Presse, Rundfunk und Fernsehen.

Bild 2:
Abb. links: Single-Photon Computertomographie (SPECT) mit dem Radioisotop Technetium (Tc)-HMPAO 14 Tage vor Meskalineinnahme bei einem gesunden 31jährigen männlichen Probanden. Die Stoffwechselaktivitäten wurden als sogenannte „Counts“ in den an der Mittellinie gespiegelten Regionen in der linken und rechten Hirnhälfte gemessen ( gelb = leichte Stoffwechselaktivität; rot = mittlere Stoffwechselaktivität; weiß = starke Stoffwechselaktivität).
Abb. rechts: Tc-HMPAO-SPECT desselben Probanden während einer meskalininduzierten Modellpsychose. In den vorderen, vor allem rechten Hirnregionen findet sich eine verstärkte Stoffwechselaktivität (sogenannte Hyperfrontalität).

Mut, Febr. 1995, S. 52-54.


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